00:00
Bevor es mit der Folge losgeht, haben wir noch einen kleinen Tipp für euch. Falls ihr nochmal Mord of X live sehen wollt, es gibt noch ein einziges Mal die Chance. Und zwar haben wir nochmal einen einzigen Auftritt am 6. September in Berlin. Seid also unbedingt dabei. Es ist ein ganz neuer Fall.
00:14
Ja, ein Programm, das wir noch nie aufgeführt haben. Es wird richtig cool. Wir freuen uns, wenn ihr kommt. Die Tickets verlinken wir euch in den Shownotes.
00:53
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Mord auf X. Hallo, mein Name ist Lynn Schütze. Mein Name ist Leo Bartsch und Lynn, ich bin so krass gespannt, was du heute zum Fall sagst, weil ich freue mich schon die ganze Zeit, dass ich dir endlich diese Geschichte erzählen kann. Dieser Fall heute. Also ich will jetzt nicht mich zu krass aus dem Fenster lehnen.
01:17
Also Leo hat gerade gesagt...
01:20
Ich will ja nichts sagen, aber ich glaube, das könnte die erfolgreichste Mord-of-X-Folge ever werden. Okay, das möchte ich zurücknehmen.
01:27
Das möchte ich einfach jetzt direkt zurücknehmen, weil es gab auch einfach schon wahnsinnig andere spannende Folgen. So, ich möchte keine andere Folge degradieren. Aber ja, es ist eine Geschichte. Ich bin mir ganz sicher, dass das nicht so viele Menschen da draußen kennen, die Geschichte.
01:41
Und auch ich weiß noch, wie ich selbst auf die Geschichte gestoßen bin. Und das war auch recht ungewöhnlich, ich erinnere mich. Wir waren irgendwann mal für, ich glaube, das war damals noch die Jägerin, das war gar nicht der Zug, sondern noch unsere vorherige Kooperation mit der SZ, im SZ-Gebäude in München. Und ich war Mittagessen mit einem Kollegen, liebe Grüße gehen raus, an Till Krause.
02:05
Und er hat in irgendeinem Nebensatz erwähnt, dass er vor Jahren mal so ein ganz absurdes Interview geführt hat. Und er hat wirklich nur so zwei, drei Sätze dazu erzählt. Ich weiß auch gar nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind. Aber ich habe damals mein Handy rausgeholt und in meine Notiz-App geschrieben, ich muss diesen Fall machen, von dem er damals erzählt hat.
02:27
Okay, jetzt bin ich noch gespannter, weil jede Geschichte, die Till eigentlich erzählt, ist unglaublich gut. Deswegen würde ich sagen, machen wir jetzt ganz schnell mein Zu dumm zum Verbrechen, damit wir in deinen Fall einsteigen können, oder? Ja, unbedingt. Und dieses Zu dumm zum Verbrechen haben wir zugesendet bekommen von Lilly. Die hat uns geschrieben, dass in dem Dorf, aus dem sie kommt, sich immer wieder von einem Verbrechen erzählt wird, was vor Jahrzehnten passiert sein soll.
02:55
Sie hat den Namen des Mannes geändert. Dieser Mann, wir nennen ihn hier mal Herr Bauer, der hatte vor, in Urlaub zu fahren, hatte auch schon alles gepackt. Aber eine Sache, die hatte er noch vor, vor seinem Urlaub. Das war ihm ganz wichtig. Er wollte nämlich noch einen Banküberfall machen.
03:13
Ungewöhnliche To-Do-Liste vor einem Urlaub. Also bei mir steht da drauf, ich darf nicht die Zahnpasta vergessen. Aber Herr Bauer hat andere Prioritäten, weil vielleicht kann er sich sonst im Urlaub kein Eis kaufen.
03:25
Ja, also irgendwie dachte er, das wäre eine gute Idee, aber er ist dann auch nicht in einen anderen Ort gefahren, sondern einfach nur zur örtlichen Bankfiliale. Er parkte in einer Nebenstraße, maskierte sich und ging zum Tresen. Das ist ein Banküberfall, sagte er zu Bankangestellten.
03:42
Aber wie das halt in so einem kleinen Dorf so ist, jeder kennt hier jeden. Und so wurde er auch sofort von dem Kunden hinter sich erkannt, weil gut, er war maskiert, aber so die Statur und auch wie er gesprochen hat, war halt eins zu eins gleich. Und so hat der Kunde hinter ihm einfach nur gesagt, Mensch Bauer, mach keinen Scheiß. Und dann hat Herr Bauer gemerkt, dass er ertappt wurde, hat versucht zu flüchten, kam aber nicht besonders weit und verbrachte den geplanten Urlaub in Haft.
04:14
Aber damit hoffentlich kostengünstig für ihn.
04:18
Also im Haft muss er nicht ganz so viel Eis kaufen, aber wahrscheinlich muss er auch noch eine Strafe abbezahlen.
04:22
Ja, aber du hast keinen Urlaub und kein Geld bekommen.
04:24
Das ist schon dumm. Du hast einen Ausflug an einen sehr ungewöhnlichen Ort, den du sonst vielleicht nie gesehen hättest. Ja, es ist wirklich dumm, dumm, dumm. Vielleicht einfach nächstes Mal ein paar Dörfer weitergehen.
04:37
Oder keine Bank überfallen.
04:39
Oder einfach irgendwie einen coolen neuen Minijob sich suchen.
04:44
Ja, das sind alles Möglichkeiten.
04:47
Aber jetzt, Leo, will ich unbedingt wissen, welche Geschichte Till dir erzählt hat.
04:52
Ja, und damit starten wir jetzt und ich bin ganz gespannt, was du sagen wirst. Los geht's mit unserem heutigen Fall.
05:01
Was gibt es Besseres, als in einen Donutladen einzutreten? Sofort schlägt einem der Duft von Hefeteig und karamellisierten Zucker entgegen. Kinder bekommen große Augen, wenn sie sich eine der Füllungen aussuchen dürfen. Boston Cream, Jelly oder Vanilla Frosted Sprinkles. Für viele Menschen ist besonders die Kette Dunkin' Donuts eine Art Happy Place.
05:28
Aber nicht so für Beverly Dolleheit. Für sie riecht es hier mittlerweile nur noch nach Frittieröl. Beverly schuftet sieben Tage die Woche, die sogenannte Friedhofsschicht, also die Nachtschicht bei Dunkin' Donuts.
05:43
Ah, das wird bei denen intern die Friedhofsschicht genannt.
05:46
Ja, ich weiß nicht, ob das auch so ein Ding ist bei anderen Unternehmen, aber Beverly nennt es auf jeden Fall die Graveyard-Schicht, weil, ja, wie gesagt, sie ist halt die ganze Nacht dahinter der Theke und muss von 22 Uhr abends bis 5 Uhr morgens dort die Backwaren auftauen. Sie muss die Donuts glasieren, sie reinigt die Maschinen und bringt am Ende den Verkaufsraum wieder auf Vordermann. Dann würde ich auch keine Donuts mehr mögen.
06:14
Ja, oder halt nachts welche essen, um es mir irgendwie erträglich zu machen. Es gibt halt nur zwei Optionen. Es ist nämlich so, dass der Laden, in dem Beverly arbeitet, von Dunkin Donuts um 3.30 Uhr am Morgen wieder öffnet und Frühaufsteher oder halt Nachteulen holen sich dann das erste süße Gebäck.
06:34
Beverly kassiert dann das Geld ab und füllt Kaffee in die To-go-Becher. Nach ihrer Schicht geht sie, wie jeden Morgen, in die Kneipe Make-by-Day-Lounge. Sie trinkt dort ein paar Bier und spielt Billard. Also ist sie eher eine Nachtäule.
06:51
Ja, ich glaube, sie versucht sich irgendwie diese Nachtschicht dann noch so ein bisschen aufzubessern und geht deswegen nochmal weiter. Danach bringt sie Donuts vom Vortag in ein Obdachlosenheim und fährt dann erschöpft nach Hause, um sich für ein paar Stunden hinzulegen.
07:09
Damit du dir Beverly mal ein bisschen besser vorstellen kannst, sie hat braune Haare, sie ist so ein bisschen breiter gebaut und ist Mitte 40. Während Beverly jetzt schon längst zu Hause ist und sich erschöpft hingelegt hat und schläft, klingelt im Hinterraum des Donut-Shops das Telefon.
07:28
Ein Mitarbeiter hebt jetzt ab. Und der Anrufer am anderen Ende der Leitung, der möchte Beverly sprechen. Aber Beverly, die ist ja gar nicht mehr da. Sie verpasst den Anruf, auf den sie seit über drei Jahren gewartet hat.
07:43
Oh, wow, das ist eine lange Zeit, um auf einen Anruf zu warten.
07:47
Es ist tatsächlich ein Anruf, an den sie jeden Tag bisher gedacht hat. Und es ist auch ein Anruf, von dem ganz viele in ihrem Umfeld gesagt haben, dass er niemals kommen würde. Die Person am anderen Ende der Leitung hinterlässt jetzt eine Nachricht für Beverly. Und die lautet, jemand aus Spanien hat Nikolas. Er will nach Hause kommen.
08:12
Jetzt denke ich natürlich sofort an eine Entführung oder an jemanden, der vermisst wird. Wer ist Nikolas?
08:21
Das ist die große Frage, aber ich kann dir schon mal verraten, deine Vermutung geht in eine richtige Richtung.
08:28
Als Beverly ein paar Stunden später aufwacht, steht die Sonne an diesem 7. Oktober 1997 hoch über San Antonio. San Antonio ist nach Houston die zweitgrößte Stadt Texas. Die Stadt liegt im Süden von Texas, nicht weit entfernt von der Grenze zu Mexiko. Das muss man sagen, spürt man auch überall in der Stadt. Also es ist irgendwie so eine typische amerikanische Großstadt auf der einen Seite, hat aber auch diese mexikanischen Einflüsse auf der anderen.
08:59
Beispielsweise sieht man dann spanische Missionskirchen, man sieht alte Häuser, man sieht aber auch Motels und moderne Hochhäuser. Und man merkt es auch am Essen, denn San Antonio ist bekannt für seine Tex-Mex-Küche. Also für so eine Mischung aus Tacos und Enchiladas, aber auch Chilis und scharfe Salsas. Oh, jetzt habe ich ein bisschen Hunger.
09:20
Ja.
09:20
Ja, und dann ging es ja auch noch um Donuts davor. Also diese Folge, Leute, solltet ihr nicht hören, wenn ihr gerade Hunger habt. Noch etwas verschlafen wird Beverly jetzt aus dem Donutladen angerufen und ihr wird jetzt die Nachricht übermittelt. Jemand aus Spanien hat Nikolas. Nikolas will nach Hause kommen.
09:42
Als Beverly das jetzt hört, fängt ihr Herz an zu klopfen. Es zerspringt beinahe. Zum ersten Mal seit vielen Jahren empfindet sie wieder etwas, das sie fast vergessen hatte. Freude. Hoffnung. Vielleicht, denkt Beverly, wird doch alles gut, wenn ihre Familie jetzt endlich wieder vollständig ist.
10:07
Beverly ruft ihr sofort ihre erwachsene Tochter Carrie an. »Sitzt du, Carrie, du wirst es nicht glauben«, sagt sie. Dann erzählt sie, dass Nikolas aufgetaucht ist. Beverlys Sohn und Carries Bruder, der seit mehr als drei Jahren verschwunden ist.
10:26
Wow, das klingt natürlich super schön. Vor allem, weil das ja was richtig Besonderes ist. Also ich habe mir irgendwann auch mal die Statistiken dazu angeguckt. Tatsächlich ist kurz nach dem Verschwinden die Chance statistisch relativ hoch, dass ein Kind wiedergefunden wird. Also in Deutschland werden fast 98 Prozent der vermissten Kinder und Jugendlichen wiedergefunden, was ich eine sehr hohe Nummer finde.
10:53
Aber in Fällen, die über Jahre ungeklärt bleiben, also wie hier, du hast ja von drei Jahren gesprochen, da werden nur wenige Kinder wiedergefunden und hier sinkt die Wahrscheinlichkeit auch sehr schnell, dass die Kinder lebend gefunden werden.
11:08
Ja, also dass Nikolas hier jetzt einfach nach drei Jahren wieder aufgetaucht sein soll, das ist fast ein Wunder. Und vor allem hast du ja vielleicht gemerkt, wir sind ja eigentlich in Texas und Nikolas ist in Spanien aufgetaucht, also auf der anderen Seite der Welt. Aber wie ist er überhaupt verschwunden?
11:27
Ja, das muss ich dir jetzt alles noch erzählen und dafür machen wir jetzt auch eine kleine Zeitreise. Also wir verlassen jetzt einmal den Donutladen, wir verlassen Beverleys Zuhause und wir gehen zurück zum 10. Juni 1994. Das ist nämlich der Tag, an dem Beverleys Sohn Nicholas verschwunden ist. An diesem 10. Juni hat Beverley im Sohn Nicholas eigentlich noch 5 Dollar gegeben und ihn zum Spielen nach draußen geschickt.
11:55
Nikolas trägt an diesem Tag ein weißes T-Shirt, eine lila Hose, schwarze Sneaker und einen pinken Rucksack, als er das Haus verlässt. Nikolas ist zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt. Der blonde Junge mit den blauen Augen und der kleinen Zahnlücke geht jetzt zum Basketballplatz und ruft dann etwas später von einem Münztelefon aus zu Hause an. Er möchte wieder abgeholt werden, sagt er seinem großen Bruder, der ans Telefon geht.
12:24
Aber Mutter Beverly, die schläft nach der Nachtschicht und der Bruder, der darf noch nicht Auto fahren. Also antwortet er, dass Nikolas stattdessen nach Hause laufen muss. Doch hier kommt er nie an.
12:37
Weiß man denn, wie lange dieser Nachhauseweg war?
12:42
Also ich weiß es jetzt nicht konkret in Minuten, aber er ist ja auch hingelaufen. Okay, also kann es nicht so lange gewesen sein. Genau, also einen Weg hat er schon zu Fuß gemacht, aber er wollte jetzt halt einfach nicht noch wieder zurücklaufen. Und ich denke jetzt einfach mal ehrlich gesagt, wenn er da häufiger ist und die Mama ihn da auch hingeschickt hat mit ein bisschen Geld, dann ist es eigentlich nicht sowas Gefährliches. Aber Niklas taucht halt nicht nochmal auf.
13:11
Und man muss ja auch sagen, er ist ja schon 13. Das ist ja eigentlich auch eine Zeit, in der man sich draußen sehr selbstständig bewegt. Also ich bin da auch zu meinen Freunden gefahren und wir sind irgendwie in den Wald gegangen oder spielen gegangen irgendwo.
13:22
Wir sind auch, und das war sogar noch in der Grundschule, immer nach Hause gelaufen. Das waren auch so 15 Minuten. Also wir waren eine Gruppe, aber ich bin das auch ein, zweimal alleine gegangen. Und das ist ja eigentlich okay, weil man die Strecke kennt.
13:35
Ja, und vor allem, also mit 13 ist man ja schon super selbstständig.
13:40
Aber ja, Nikolas taucht halt von diesem Weg nicht auf und die Familie sucht jetzt auch zunächst überall nach ihm. Sie denken jetzt erst mal, dass er noch auftaucht. Es ist nämlich so, das musst du auch wissen, Nikolas, der ist schon mal abgehauen. Es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass er vielleicht mal nicht auftaucht. Sie fragen jetzt bei Bekannten und Freunden und denken jetzt, dass er einfach wiederkommt dann.
14:04
Aber drei Tage später ist er immer noch nicht da und jetzt meidet die Familie ihn vermisst.
14:11
Krass, also ich finde drei Tage da auch schon eine sehr lange Zeit. Habe ich auch gedacht. Also ich will die Mutter da jetzt auch nicht so angreifen, weil die arbeitet ja auch total hart. Aber also selbst wenn das Kind manchmal vermisst geht, würde ich mir, also würde ich jetzt, gut, kann ich auch schwer sagen, weil ich selbst keine Kinder habe, aber ich würde wahrscheinlich das wesentlich früher melden.
14:34
Ja, und ich glaube, du darfst auch skeptisch sein da, weil man muss auch noch hinzufügen, ja, Beverly, die Mama arbeitet total viel und die gibt ihr Bestes, aber es gibt auch eine nicht ganz so schöne Vergangenheit, denn Beverly und ihr Sohn Nikolas sind schon häufiger irgendwie aneinandergeraten. Teilweise ist es auch schon so gewesen, dass Nikolas, wie gesagt, freiwillig verschwunden ist, auch tagelang.
14:59
Ja, warum eigentlich?
15:00
Ja, der hatte einfach super viel Stress mit seiner Mutter. Einmal hat er es auch gemacht, um einer Anhörung zu entkommen. Er wurde nämlich wegen einem Einbruch vorgeladen. Mit 13 Jahren? Ja, also er hat mit 13 tatsächlich schon mehrere Einträge im Jugendstrafregister. Wegen Einbruch, aber auch wegen zum Beispiel Bedrohung eines Lehrers. Er hat super oft schon die Schule geschwänzt. Er fällt auch durch seine Aufmerksamkeitsdefizitstörung auf. Und zu Hause gibt es immer richtig viel Streit. Und was auch noch wichtig ist zu erwähnen, Beverly ist auch drogenabhängig, also seine Mama.
15:35
Das heißt, sie ist halt nicht nur nicht anwesend wegen der Arbeit oft, sondern hat auch noch wirklich krass mit sich selbst zu kämpfen. Das heißt, die Polizei ist auch schon öfter angerückt, weil es sogar auch Handgreiflichkeiten zwischen ihr und Nicolas gab.
15:50
Boah, scheiße, weil ich muss auch sagen, also Handgreiflichkeiten zwischen ihr und Nikolaus, er ist halt das Kind. Also eine Mutter sollte nie ihr Kind schlagen und da sehe ich auf jeden Fall die Schuld bei ihr.
16:06
Ja, also er ist auch einmal weggerannt von zu Hause mit der Ansage, ich finde eine neue Mutter, ich finde ein neues Zuhause.
16:15
Das hat er da halt dann gesagt und auch insgesamt öfter mal gedroht. Und das ist so ein bisschen der Hintergrund, warum jetzt auch erst nach drei Tagen die Vermisstenanzeige aufgegeben wird, weil sie einfach denken, Nikolas hat wieder einen Grund dafür, dass er weg ist. Ja, die Ermittler kümmern sich jetzt deswegen auch nicht wirklich großartig um sein Verschwinden. Sie können ja in den Akten sehen, dass es da eine Vorgeschichte gibt und sie denken, er ist abgehauen und will erstmal nicht gefunden werden.
16:41
Sie sind sich sicher, dass Nicolas bald irgendwo von selbst wieder auftauchen wird.
16:45
Boah, ich finde es so krass. Das kannst du meinetwegen bei einem Erwachsenen sagen, aber es ist ein Kind, über das wir sprechen.
16:51
Ja. Und vor allem, was ich auch richtig krass finde, er taucht ja nicht wieder von selbst auf. Und das auch nicht die nächsten drei Jahre und vier Monate. Und trotzdem wird er nicht so sehr gesucht, wie es eigentlich hätte passieren sollen.
17:05
Boah, das finde ich richtig schlimm.
17:07
Ja, aber ich habe dir am Anfang schon verraten, es gibt dann ja diesen Anruf. Und in diesen über drei Jahren hat sich Beverly natürlich total viele Schuldvorwürfe gemacht. Sie hat sich super viel hinterfragt. Sie hat natürlich total viel über das Thema nachgedacht und vermisst Nikolas und macht sich Sorgen. Bis dann jetzt plötzlich der Anruf kommt. Und Nicholas plötzlich in einem spanischen Kinderheim identifiziert wird. Mutter Beverly ist jetzt so überwältigt von den Neuigkeiten, dass sie gar nicht erstmal so richtig auf alles klarkommt.
17:40
Und sie ruft jetzt ihre erwachsene Tochter Carrie an und fragt Carrie, ob sie das Telefonat mit dem spanischen Leiter des Kinderheims für sie übernimmt. Und Carrie macht das jetzt. Sie ruft jetzt im spanischen Kinderheim an und telefoniert mit dem Leiter dort. Der Leiter erklärt jetzt, dass Nikolas sehr verängstigt ist und hochgradig traumatisiert. Er spricht kaum. Und der Heimleiter erklärt auch ganz einfühlsam, Nikolas berichtet, dass er verletzt und missbraucht wurde.
18:11
Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde er entführt. Er scheint sich kaum an seine Vergangenheit zu erinnern. Auch kaum an seine Familie.
18:22
Die Schwester Carrie, die will jetzt sofort ihren kleinen Bruder sprechen. Und das fragt sie jetzt auch. Sie fragt, hey, können Sie bitte das Telefon weiterreichen? Ich möchte mit Nikolas sprechen. Aber Nikolas, der redet ja kaum. Und deswegen ruft jetzt einfach nur Carrie in den Hörer. Mein Gott, Nikki, bist du das? Ich liebe dich und ich werde dich nach Hause bringen, sagt sie noch. Und eine leise Stimme im Hintergrund antwortet, Ja, ich bin's. Ich liebe dich auch.
18:50
Boah, wie krass. Aber wie ist er da hingekommen? Also wurde er entführt und dann, also, erzählt er irgendwas, was ihm passiert ist?
19:00
Nee, der redet super wenig. Also man merkt ihm richtig an, dass er das alles ausblendet, dass er total traumatisiert ist, dass es ihm auch nicht gut geht. Er hält sich auch immer im Dunkeln auf. Er verdeckt auch sein Gesicht oft, weil er gar nicht so richtig sich dem Licht aussetzen will. Also es ist alles ganz auffällig, das Verhalten. Also vielleicht war der auch einfach lange... In der Dunkelheit gefangen? Davon geht man aus. Also man geht auf jeden Fall von einer hoch traumatisierenden Situation aus, die er erlebt hat, irgendwo in Gefangenschaft.
19:30
Und für Carrie und die Familie steht jetzt fest, dass sie den kleinen Bruder so schnell es geht wieder zu sich holen wollen. Auch wenn noch gar nicht klar ist, was passiert ist und auch wer ihn entführt hat.
19:43
Eine Woche später reist sie dafür jetzt zusammen mit einem Beamten von der US-Botschaft nach Spanien. Carrie ist 31 Jahre alt, sie hat kurze blonde Haare und ein breites Lachen und eine sehr warmherzige Art.
19:58
Carrie kann die Nächte vor dem Abflug überhaupt nicht mehr schlafen. Sie ist total aufgeregt und sie hat auch Angst vor dem, was auf sie zukommt. Gleichzeitig wünscht sie sich nicht sehnlicher, als Nikolas endlich wieder in die Arme zu schließen.
20:14
Du musst so nervös sein, wenn du nicht weißt, ob du einfach gleich...
20:17
Wenn dein Bruder ewig vermisst war und jetzt triffst du ihn gleich wieder oder du kannst ihn abholen und nach Hause holen. Ja, komplett.
20:26
Und Carrie, die steigt jetzt total nervös in den Flieger nach Spanien. Am Flughafen dort wird sie dann abgeholt. Alles sieht so anders aus, denkt sich Carrie. Und man muss sagen, sie war auch noch nie außerhalb der USA. Hier ist viel weniger los, denkt sie. Dann kommt schon eine spanische Beamtin und bringt sie zu einem Auto. Carrie bekommt das alles aber kaum mit. Sie ist so aufgeregt, dass sie sich gar nicht auf alles konzentrieren kann. Aber sie merkt, wie die Beamtin sich alle Mühe gibt, ihr die Landschaft, die an ihr vorbeirauscht, zu erklären.
21:01
Die Luft ist trocken, der Himmel tief blau. Carrie sieht jetzt Oliven und Orangenbäume, die sich jetzt im Herbst, kurz vor der Regenzeit, langsam gelb färben.
21:13
Ja. Ja. Ja.
21:35
Motorroller schlängeln sich durch die engen Straßen, aus geöffneten Fenstern läuft Flamenco, in den Bars trinken die Menschen Kaffee und Sherry. Sie reden lautstark, gestikulieren und lachen, während die Kinder noch bis in den Abend hinein Fußball spielen. Direkt hinter einem Bolzplatz liegt das Kinderheim, eine staatliche Einrichtung, wahrscheinlich mit Gemeinschaftsschlafräumen und Büros.
22:02
Als Carrie ankommt, erfährt sie jetzt, dass sich ihr kleiner Bruder Nikolas in seinem Zimmer verkrochen hat. Er will nicht rauskommen, sagen die Mitarbeiter des Heims. Carrie wartet und wartet. Jede Sekunde wird sie angespannter.
22:18
Das Warten zerreißt sie fast. Das ist auf jeden Fall so ein Moment, wo sich Sekunden wie Stunden anfühlen.
22:24
Absolut.
22:26
Aber man muss auch sagen, sie will Nikolas nicht unter Druck setzen. Denn sie weiß auch, dass das alles hier gerade so schwer für ihn sein muss. Carrie geht in den Innenhof. Sie atmet die warme Luft ein. Sie riecht die fremden Gerüche der Stadt, die so anders sind als in Texas.
22:45
Um sie herum spielen Kinder. Carries Blick gleitet jetzt vom Ball, der umherrollt, hoch zum Gebäude. Da entdeckt sie ihn. Nicholas. Er steht am Fenster und guckt heraus. »Ich bin hier! Komm zu mir! Ich möchte dich sehen! Ich möchte dich in die Arme schließen!« ruft Carrie nach oben.
23:07
Zehn Minuten später öffnet Nicholas dann die Tür. Carrie ist so erleichtert. Da ist er. Carries Herz rast. Das ist ihr kleiner Bruder. Aber sie sieht auch, ihr kleiner Bruder ist jetzt gar nicht mehr so klein. Er ist jetzt schon 16 Jahre alt, schon fast ein Mann. Und er sieht auch so anders aus als früher, schon richtig groß.
23:31
Ja, es sind ja auch drei Jahre vergangen. Also einmal ist da ja die Pubertät dazwischen, wo der Mensch sich eh total viel verändert. Und dann gab es ja auch drei Jahre, wo ihm was weiß ich was zugestoßen sein könnte.
23:45
Was natürlich sich dann auch zeigt am Körper, also dass man einfach anders aussieht.
23:50
Ja, also er ist vor allem einfach groß geworden und das ist für sie, also ein bisschen größer zumindest, und das ist für sie irgendwie total überfordernd, weil sie hat halt so drei entscheidende Jahre der Pubertät verpasst, aber es ist jetzt auch erstmal alles in dem Moment egal. Sie versucht jetzt in seinem Gesicht irgendwie Emotionen zu lesen, aber so richtig erkennt sie nichts. Nicholas ist sehr eingeschüchtert. Er ist fast schon scheu geworden und er ist auch ängstlich bei jeder Bewegung. Er trägt einen Schal um das Gesicht, hat eine Kappe auf, unter der die blonden Haare herausblitzen und hat eine Sonnenbrille auf.
24:25
Vielleicht ist das Tageslicht zu viel für ihn. Was hat ihr kleiner Bruder wohl für ein Horror erlebt, schießt das Carrie durch den Kopf.
24:34
Dann kann sie es nicht mehr aufhalten. Carrie geht jetzt schnell zu ihm und umarmt ihn ganz fest. Nikolas, mir wurde gesagt, du hattest Angst, dass ich dich nicht erkennen würde. Ich würde diese Nase doch überall erkennen, flüstert sie. Weil er so eine ganz besondere Nase hat? Ja, einfach so ein bisschen breiter. Und sie flüstert jetzt auch noch, mach dir keine Sorgen, es wird alles gut. Es wird alles gut. Aber Nikolas schweigt nur.
25:04
Oh Mann, also keine Ahnung, was der arme Junge erleben musste, ne?
25:09
Ja, das versuchen sie jetzt mit der Zeit rauszufinden, aber sie wollen es auch noch nicht zu früh erfragen, weil er soll es erstmal so ein bisschen wieder zurück in die Realität finden und dann können sie es aufarbeiten, denkt sich Carrie.
25:22
Die beiden setzen sich jetzt zu zweit in einen Raum. Ohne Aufsicht, einfach nur Bruder und Schwester. Wiedervereint. Carrie zeigt jetzt Nikolas Familienfotos, die sie mitgebracht hat. Es sind Fotos aus den letzten Jahren, die er nicht bei ihnen verbracht hat. Fotos von seiner Mutter, von seinem Bruder und von seinem Großvater. Und wie reagiert er darauf? Total intensiv tatsächlich, also auch wenn er davor so scheu war und er redet auch immer noch nicht. Es ist jetzt so, dass er sich die Fotos so richtig doll anschaut und er saugt sie fast auf wie ein Schwamm.
25:58
Dann wird Carrie nach draußen gebeten. Sie soll jetzt unter Eid bestätigen, ob der Junge ihr Bruder Nicholas ist und somit auch ein US-Staatsbürger.
26:09
Krass, aber damit sie ihn mitnehmen darf oder warum?
26:12
Ja, einfach damit er halt identifiziert wird, weil der ist ja einfach plötzlich aufgetaucht, das müssen sie ja erstmal bestätigen. Und Carrie bestätigt jetzt, ja, das ist mein Bruder. Sie schwört es. In der US-Botschaft in Madrid wird jetzt ein Reisepass ausgestellt und am nächsten Tag sitzen Carrie und Nikolas am Flughafen.
26:31
Carrie fragt ihn jetzt, Nick, bist du bereit, nach Hause zu gehen? Und er antwortet jetzt ganz leise, ich bin bereit, nach Hause zu gehen. Let's get the fuck out of here, sagt Carrie. Und damit borden sie ihren Flieger nach Texas. Nach Hause.
26:49
Auf dem 15-stündigen Flug nach Hause ist Nikolas ziemlich nervös. Er zittert und zappelt manchmal herum und er geht häufig auf die Toilette. Und Cary bemerkt, dass ihr kleiner Bruder sie ständig beobachtet. Er starrt sie förmlich an.
27:06
Aber das versteht sie. Sie muss Nikolas auch die ganze Zeit anschauen.
27:10
Ja, er muss ja auch irgendwie erstmal wieder realisieren, dass er zurück bei seiner Familie ist. Und vielleicht denkt er sich auch die ganze Zeit, bitte lass es kein Traum sein, bitte lass es echt sein. Ja, und das Gleiche denkt sich Carrie halt auch.
27:24
Die denkt sich die ganze Zeit nur, oh mein Gott, das muss gerade wirklich passieren, dass ich wirklich Niki hier nach Hause bringe.
27:32
Die restliche Familie, die weiß natürlich Bescheid, dass die beiden gleich landen werden und sie wartet schon aufgeregt am Flughafen von San Antonio.
27:40
Und die Mama auch, oder?
27:41
Ja, auch die Mama, auch Beverly ist da. Einerseits muss man sagen, ist da jetzt diese riesige Freude, dass Nikolas zu ihnen zurückkommt. Und andererseits wissen sie aber jetzt gar nicht, was auf sie zukommen wird.
27:55
Kann sich Nikolaus an sie erinnern? Also offenbar kann er ja ganz vieles nicht erinnern. Und dann fragen sie sich auch, wie wird er sich jetzt verhalten? Und müssten nicht eigentlich auch Ermittlungen eingeleitet werden? Also was ist mit ihm passiert? Ja, das passiert auch. Das macht natürlich die Familie auch unsicher. Sie fragen sich jetzt auch, wird er das alles verkraften, was er da erlebt hat? Und natürlich wollen sie am meisten wissen, wer hat ihm das angetan?
28:22
Mutter Beverly starrt jetzt nervös auf den dunklen Teppichboden des Arrival Terminals. Sie hat sich extra etwas Schickes angezogen, eine rosa Bluse, und ihre kurzen Haare sind nach hinten frisiert. Jede Sekunde zieht sich jetzt wie eine Stunde. Doch dann ist es soweit. Nikolas läuft den Flur entlang.
28:46
Als Mutter Beverly in Sohn sieht, rennt sie ihm entgegen und schließt ihn in die Arme. Aber sie merkt, wie verunsichert er ist. Sie nimmt jetzt seine Hand und sagt, ich habe dich so sehr vermisst. Aber Nikolas weicht im Blick aus. Seine Augen sind kaum zu erkennen hinter der Sonnenbrille und im Schal, den er wieder ums Gesicht trägt.
29:10
Beverly merkt direkt, es ist etwas ganz Schlimmes mit ihrem Jungen passiert.
29:15
Oh Gott, wie schrecklich. Und sie kann ihm ja in dem Moment wahrscheinlich auch kaum...
29:19
Ja, sie realisiert jetzt, er hat sich total verändert, innerlich und äußerlich. Er ist viel größer geworden und auch breiter mit der Zeit. Klar, er ist jetzt 16 Jahre alt, kein Kind mehr. Aber an seinen Wangen zeichnet sich auch der Schatten eines dunklen Bartes ab. Und seine früher so blonden Haare haben einen dunklen Schatten bekommen.
29:42
Aber das ist alles egal, denkt Beverly. Sie ist einfach so glücklich, dass ihr Sohn zurück bei ihr ist. Wenn es an der Zeit ist, wird er sich schon öffnen und von seinen Erfahrungen erzählen, denkt sie sich. Und Lynn, ich habe dir tatsächlich auch mal ein Foto mitgebracht und da erkennst du halt auch nochmal, wie sehr sich Nikolas einfach verändert hat, also dass er einfach jetzt schon fast erwachsen ist. Und Lynn, hast du eine Vermutung, wo sie vielleicht jetzt mit Nikolas als erstes hinfahren?
30:12
Keine Ahnung, vielleicht so ein Dunkin Donuts Shop? Ja, auch naheliegend. Nee, sie fahren als allererstes dahin, wo er am liebsten war, nämlich zu McDonalds mit ihm. Die ganze Familie fährt jetzt gemeinsam zum Restaurant und sie bestellen jetzt Cheeseburger und Pommes. Und zurück im Auto lassen sie jetzt auch Nikolas Lieblingslied von der Kassette laufen. Alle schweigen und haben ein Lächeln auf dem Gesicht. Alle außer Nikolas.
30:41
Weil Mutter Beverly nachts wieder arbeiten muss und tagsüber schläft, zieht Nicholas bei seiner Schwester Carrie und ihrem Ehemann ein. Sie leben in einem Trailerpark 50 Kilometer außerhalb von San Antonio im Texas Hill Country. Es ist eine ländliche Gegend, überzogen von Hügeln, Wäldern und Kalksteinfelsen. Bellende Hunde laufen umher, Internet gibt es hier nicht.
31:08
Im vollgestopften Häuschen hat Carrie jetzt eine Matratze in das Zimmer ihres Sohnes gelegt.
31:14
Also so ein Trailerpark ist ja auch wirklich nicht groß, muss man schon sagen.
31:18
Ja, und hier wohnt die kleine Familie jetzt irgendwie aufeinander gequetscht, aber das machen sie halt gerne, weil sie haben ja einfach Nikolas wieder und Carrie macht jetzt halt das Zimmer fertig, wo auch Nikolas schlafen wird.
31:31
Nicholas spricht kaum an diesem ersten Abend. Er erzählt nicht, was er in den letzten Jahren erlebt hat, wo er war oder was ihm passiert ist. Natürlich, denkt seine Schwester Carrie, er braucht einfach Zeit.
31:44
Mit jedem neuen Tag versucht die Familie jetzt einen Alltag zurückzufinden, eine Routine aufzubauen. Morgens gibt es Frühstück, dann geht Nikolas in die Highschool. Abends macht Nikolas jetzt seine Hausaufgaben und spielt Nintendo. Dann schauen sie entweder gemeinsam einen Film oder Nikolas spielt mit seinem alten besten Freund im Park. Manchmal telefoniert Nikolas stundenlang mit einem Mädchen, auf das er einen Crush hat.
32:14
Nach ein paar Tagen kommt Nikolas großer Bruder zum Grillen vorbei. Er hat Nikolas noch nicht gesehen, seitdem er zurück ist. Aber jetzt wird es ein bisschen komisch, denn statt Nikolas in die Arme zu schließen, schaut der große Bruder ihn nur misstrauisch an. Er scheint ihn kaum wiederzuerkennen. Die beiden reden wenig.
32:37
Aber das wundert niemanden so richtig. Nikolas ist ja einfach ziemlich in sich gekehrt, seitdem er zurück ist. Und wenn er redet, dann redet er auch nur ganz leise und mit einem französischen Akzent, weil er in Gefangenschaft sein Englisch vergessen hat, beziehungsweise weil er gezwungen wurde, es zu vergessen.
32:56
Dazu aber gleich noch mehr.
32:58
Okay, also anscheinend hat er ja doch irgendwas erzählt, was ihm passiert ist und jetzt soll er irgendwie in französischer Gefangenschaft gewesen sein? Also muss jetzt nicht langsam mal rausgekommen sein oder muss er nicht zumindest berichtet haben, wo er die drei Jahre war? Nee, das hat er halt noch nicht erzählt. Das ist immer noch komisch. Also das ist schon auch sehr merkwürdig. Er hat nur gesagt, dass da französisch gesprochen wurde? Genau, also man weiß nur, dass er halt anscheinend in französischer Gefangenschaft war. Aber davon kriegst du doch keinen französischen Akzent. Kommt drauf an, wie du halt vielleicht auch gequält wirst.
33:32
Aber ja, du hast vielleicht auch die Gedanken von Nikolas' großen Bruder gerade gut formuliert. Denn bevor der große Bruder das Haus verlässt, gibt er Nikolas eine Kette mit einem goldenen Kreuz und raunt ihm jetzt leise etwas zu. Er sagt nämlich...
33:51
Viel Glück. Warum viel Glück?
33:58
Ja, das werden wir noch sehen. Der Bruder ist auf jeden Fall ganz interessant. Also der große Bruder kommt auch nochmal später in dieser Geschichte vor.
34:08
Und jetzt erfahren wir auch langsam zum ersten Mal, was so richtig passiert ist. Denn Nikolas und seine Familie, die sprechen am Anfang nicht darüber. Aber die Mama und die Schwester, die wollen ihm Zeit geben. Man muss sogar sagen, nach und nach sind die natürlich sehr neugierig. Und was ja auch noch hinzukommt, Nikolas wird in den Wochen nach seiner Rückkehr auch mehrmals von einer FBI-Agentin verhört.
34:36
Diese FBI-Agentin heißt Nancy Fischer und sie arbeitet im Bereich Kindesmissbrauch, vermisste Kinder und in Führung. Nicholas schweigt in den Verhören. Er ist zu traumatisiert, zu verängstigt.
34:51
Aber eines Tages beginnt er dann doch zaghaft zu erzählen. Vom 13. Juni 1994, dem Tag seines Verschwindens. Und das ist jetzt das erste Mal, dass auch wir erfahren, was eigentlich passiert ist.
35:10
Nikolas erzählt der FBI-Agentin, dass er damals ja seine Familie angerufen hat, ob er abgeholt werden kann. Aber seine Mutter schläft ja noch und sein Bruder sagt ihm, dass er nach Hause laufen muss. Und darauf hat Nikolas nicht so richtig Lust. Also spielt er noch etwas länger alleine Basketball weiter. Dann plötzlich kommen zwei Männer auf ihn zu. Sie sprechen ihn an und drücken ihm dann ein Tuch auf den Mund und auf die Nase.
35:38
Nicholas verliert jetzt das Bewusstsein und wacht in einem Militärflugzeug auf. Hochrangige Angehörige des US-Militärs bringen ihn jetzt nach Europa.
35:49
Was?
35:51
Dort werden jetzt er und mehrere andere Jungen, die ebenfalls entführt worden sind, gefangen gehalten.
35:58
Sie sind jetzt in den Fängen eines pädophilen Menschenhändler rings. Nikolas wird fast jede Nacht mit Chloroform betäubt und vergewaltigt. Er wird geschlagen, wenn er Englisch spricht, und er darf nur Französisch sprechen. Er muss jetzt Kopfhörer tragen, aus denen immer wieder Stimmen in verschiedenen Sprachen schreien, »Du bist nicht du«.
36:23
Er wird jetzt gefoltert und für Experimente missbraucht. Also es klingt ja wie ein Horrorfilm oder fast sogar wie diese Verschwörungstheorie, die ja in Amerika auch immer wieder aufkommt, dass Kinder in so einem Bunker gefangen gehalten werden und ihnen das Blut abgezapft wird.
36:41
Aber es klingt ganz schrecklich.
36:43
Ja, und Nikolas erzählt auch, dass die ja auch Experimente durchgeführt haben an ihm. Und bei einem solchen Experiment werden ihm auch verschiedene Substanzen mit Nadeln in die Augen injiziert. Und deswegen verändert sich auch die Farbe seiner Augen. Sie sind jetzt nicht mehr blau wie früher, sondern braun. Aber er hat mittlerweile eine andere Augenfarbe? Ja, er hat jetzt braune Augen.
37:05
Niklas erzählt dann, dass er geflohen ist, als jemand die Tür zu dem Raum, in dem er gefangen gehalten wurde, einen Spalt offen gelassen hat. Dann ist er vorbeigelaufen über einen schier endlosen Flur und am Ende davon findet er eine weitere Tür.
37:22
Er drückt sie auf und steht auf einer Straße.
37:26
Nikolas rennt um sein Leben. Er rennt und rennt, Kilometer um Kilometer. Und von einer Telefonzelle aus ruft er jetzt die Polizei an. Offenbar mittlerweile in Spanien und wird dort in der spanischen Kinderheim gebracht.
37:41
Die FBI-Agentin, die ist genauso schockiert, wie du jetzt bist.
37:45
Ich sehe ja deinen Blick von diesen Schilderungen. Das klingt alles fast zu schlimm, um wahr zu sein. Andererseits, in vielen Jahren True-Crime-Geschichten gibt es eigentlich auch nichts, was es nicht wirklich gibt. Also...
38:00
Gerade jetzt, wenn man sich mal Epstein angeguckt hat und Wild Tiger, also man wird dann doch immer wieder überrascht, was für schreckliche Dinge auf dieser Welt passieren.
38:12
Ja und dementsprechend verspricht die FBI-Agentin Nikolas jetzt auch, dass sie seine Entführer finden werden und sie werden sich um den Fall kümmern und sie wollen versuchen, die anderen entführten Kinder auch zu befreien.
38:25
Doch die Ermittlungen gestalten sich sehr schwer. Niemand in der gesamten Strafverfolgung hat je davon gehört, dass US-Soldaten Kinder aus den USA nach Europa verschleppen und dort brutal misshandeln. Das Ganze wäre ein Riesenskandal. Und man müsste auch erstmal im Geheimen ermitteln, weil man ja auch nicht weiß, ob es irgendwie Maulwürfel gibt, wer wirklich da mit drin steckt und so weiter.
38:52
Es kann also ewig dauern, bis sie die ersten Spuren zu den Tätern finden. Die FBI-Agentin rät der Familie jetzt, dass sie so lange auf keinen Fall mit den Medien sprechen sollen. Also der Fall soll unbedingt im Geheim bleiben, weil sonst können sie nicht ermitteln. Aber die Medien bekommen ziemlich schnell Wind von Nikolas Geschichte.
39:13
Nur zwei Wochen nach seiner Rückkehr klingelt das Telefon bei Privatdetektiv Charlie Parker in San Antonio. Charlie Parker ist ein Privatdetektiv, den kannst du dir wirklich vorstellen wie aus dem Buche. Der hat so ein vollgestopftes Büro, also da sind Gegenstände drin. Gegenstände, in denen versteckte Kameras verbaut sind. Brillen, Kulis, sogar ein Fahrradlenker, wo eine versteckte Kamera eingebaut wurde. Wow. An den Wänden hängen Fotos, die Detektiv Parker bei seinen Einsätzen gemacht hat.
39:46
Zum Beispiel ein Foto von einer verheirateten Frau mit ihrem Liebhaber, die aus dem Fenster spähen. Parker war damals vom Ehemann der Frau beauftragt worden und er nennt das Bild sein Money Shot.
39:58
Weil er ganz viel Money damit gemacht hat? Ja, er hat, glaube ich, ganz schön viel Money damit gemacht. Das erkennt man auch so ein bisschen an seinem Lebensstil. Also Privatdetektiv Parker ist Ende 50, hat graue Haare und eine raue Stimme. Und in seiner Freizeit fährt er am liebsten ein knallrotes Cabrio. Aber auf der Arbeit ist er natürlich etwas mehr undercover unterwegs.
40:20
Parker hat in seiner Laufbahn schon Mörder und Vergewaltiger geschnappt und er hat den sogenannten Mörders Club gegründet, der sich der Aufklärung ungelöster Fälle widmet. Also hiermit möchte ich jetzt schon mal verkünden, dass ich mir Detective Parker auf jeden Fall nochmal genauer anschauen werde und gucke, ob da nicht auch irgendein Fall spannend für Mord of X ist.
40:41
Der Privatdetektiv nimmt jetzt den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung ist ein TV-Produzent, der von der ungewöhnlichen Heimkehr von Nicholas Barkley gehört hat.
40:52
Er beauftragt den Privatdetektiv jetzt einen Kontakt für eine Interviewanfrage zu beschaffen und die Umstände der Entführung aufzuklären. Der Detektiv Parker findet ziemlich schnell heraus, dass Nicholas jetzt bei seiner Schwester im Trailerpark wohnt. Und der TV-Produzent schickt jetzt sofort ein Kamerateam zusammen mit dem Privatdetektiv dorthin. Nicholas' Schwester Carrie ist jetzt erstmal entsetzt, als sie die Kamera sieht.
41:22
Sie will unbedingt verhindern, dass ihr kleiner Bruder noch weiter traumatisiert wird. Aber der sonst so stille Nikolas wirkt auf einmal ziemlich aufgeschlossen. Und das ist jetzt auch ein bisschen komisch. Er sagt nämlich jetzt im Interview sofort zu, dass noch direkt vor Ort stattfinden soll.
41:45
Okay, also jetzt will er auf einmal doch seine Geschichte erzählen?
41:49
Das ist vor allem auch merkwürdig, weil er war bisher ja so in sich gekehrt und schüchtern und jetzt vor der Kamera blüht er plötzlich auf. Nikolas sitzt jetzt auf dem Sofa. Er trägt eine hellbraune Lederjacke, eine Sonnenbrille und einen breiten Hut. Dann beginnt er, jede Einzelheit seiner Geschichte in die Kamera zu erzählen. Ganz ruhig, ohne seinen Blick abzuwenden.
42:15
Währenddessen steht Privatdetektiv Parker etwas abseits. Er schaut sich jetzt im Haus um und bleibt vor einem Regal stehen. Darin steht ein Bild, das Nikolas als kleinen Jungen zeigt.
42:31
Immer wieder blickt der Detektiv jetzt zwischen dem Bild von Nikolas und dem Nikolas auf dem Sofa hin und her. Der Privatdetektiv steckt das Foto am Ende in seine Tasche, geht zum Kameramann und flüstert ihm jetzt zu, Zoom auf seine Ohren, so nah wie möglich.
42:53
Und Lynn, ich habe dir jetzt auch mal ein Foto mitgebracht, beziehungsweise eigentlich habe ich dir zwei Fotos mitgebracht. Einmal eins von Nikolas mit 13 Jahren und dann einmal eins von Nikolas jetzt.
43:05
Oh mein Gott, ja, also das ändert gerade für mich die ganze Geschichte, weil für mich ist das schwer vorstellbar, dass das die gleiche Person ist. Und vor allem, dass der, also soll dieser Nikolas auf dem zweiten Foto, auf dem Foto, wo er älter ist, wirklich nur drei Jahre älter sein? Ja.
43:28
Ja. Was? Die denken erst 16. Also ihr könnt euch das ja auch mal anschauen. Wir laden euch das bei Mord of X Podcast auf Instagram hoch. Aber also auf dem zweiten Foto hat er ganz dunkle Augenbrauen. Der hat super markante Gesichtszüge. Der sieht viel älter aus. Und also die Ohren sehe ich hier gar nicht so deutlich. Warum möchte der Direktiv jetzt unbedingt ein Close-Up von den Ohren? Nein.
43:56
Der Großteil, den du gerade sehen konntest, den können sie ja noch gar nicht erkennen, weil er trägt ja Brille und Schal. Und Benediktiv erkennt vor allem die Ohren. Und nach dem Interview eilt er jetzt in seinem Büro und scannt das Foto des jungen Nikolas ein. Und er öffnet jetzt das Foto auf seinem Computer und lässt dann neben das Video laufen, das gerade aufgenommen worden ist. Und er schaut sich jetzt ganz genau, genau ein Körperteil an, nämlich die Ohren, denn Privatdetektiv Parker hat vor einiger Zeit einen Artikel gelesen, in dem es darum ging, wie Scotland Yard den Mörder von Martin Luther King am Londoner Flughafen Heathrow identifizierte.
44:35
Und zwar, indem sie Fotos seiner Ohren verglichen. Denn, das wusste ich gar nicht, Ohren sind anscheinend fast so einzigartig wie Fingerabdrücke. Krass. Also es ist anscheinend super selten, dass man wirklich ein gleiches Ohr findet. Und der Detektiv Parker, der legt jetzt die Fotos vom jungen Nikolas und die aus dem Interview nebeneinander und er zoomt jetzt immer wieder ran und vergleicht.
45:01
Und er erkennt, Zitat, das sagt er selbst, die Ohren waren ähnlich, aber nicht identisch.
45:10
Und er fragt sich jetzt, wie kann das sein? Das gleiche, was du dich auch gefragt hast. Ich muss auch sagen, es ist jetzt nicht das erste Mal, dass ich das denke, weil vieles an dieser Geschichte ist ja sehr merkwürdig. Also gerade schon dieser französische Akzent, dann ja auch irgendwie diese ganze Geschichte klingt wirklich sehr wild, was mit ihm passiert sein soll. Was ich nur komisch finde, ist, die Schwester hat ihn ja erkannt. Aber vielleicht war sie auch einfach sehr aufgeregt und hat es sich auch einfach extrem gewünscht.
45:46
Ja, und ich finde halt, die große Frage ist auch, warum?
45:50
Also warum tut dieser Mann, der eventuell Nikolas ist oder auch nicht, das überhaupt?
45:58
Ja, weil er ja vor allem jetzt auch nicht in eine super reiche Familie gekommen ist, sondern er lebt im Trailerpark. Also es ist ja nicht so, dass der Sohn einer Millionärsfamilie vermisst gegangen wäre und jetzt ein Riesenerbe bekommen würde. Ja.
46:14
Das ist wirklich die große Frage. Und der Privatdetektiv, der vermutet das jetzt zwar, aber er muss es ja noch weiter überprüfen und er muss es vor allem irgendwie beweisen können. Und er ruft jetzt bei Augenärzten an und erkundigt sich, ob sich durch Injektion von Chemikalien die Augenfarbe verändern kann.
46:34
Stimmt, das gab es ja auch noch. Also das...
46:39
Klang auch wirklich total unglaubwürdig.
46:40
Vor allem, wenn das möglich wäre, ich glaube, wir würden auf jeden Fall mindestens eine Person im Umfeld oder auf Social Media kennen, die ihre Augenfarbe verändert hat und darüber berichtet.
46:51
Und die Ärzte sagen jetzt auch alle einstimmig, nein, das ist absolut unmöglich.
46:57
Dann spricht der Privatdetektiv mit einem Dialektexperten und er fragt jetzt das, was du auch schon merkwürdig fandest, nämlich, warum spricht Nikolas nach all der Zeit immer noch mit einem französischen Akzent, obwohl er schon einige Wochen zurück in Texas ist und Englisch ja auch eigentlich seine Muttersprache ist?
47:16
Der Experte erklärt, dass Nikolas selbst nach mehr als drei Jahren Gefangenschaft ziemlich schnell in seinen Heimatdialekt zurückfinden sollte. Dass er mit einem fremden Akzent spricht, findet der Experte sehr ungewöhnlich.
47:32
Und damit kommt der Privatdetektiv Parker zu dem Schluss, dieser Mann, der da gerade noch Interviews gegeben hat und der bei seiner Schwester Carrie im Schlafzimmer schläft, das ist nicht ihr kleiner Bruder Nicholas Barkley.
47:49
Aber er hat auch keine Ahnung, wer der junge Mann in Wirklichkeit dann ist. Er könnte jeder sein. Vielleicht ein Verbrecher oder ein Terrorist. Jemand, der es mit der Familie des echten Nikolas nicht gut meint.
48:05
Also ich verstehe, wie er zu dem Schluss kommt. Aber ich verstehe das Warum nicht.
48:11
Ich habe noch so viel mehr Fragen. Also warum hat das auch nie jemand gemerkt, der Familie? Naja, erinnerst du dich an den großen Bruder? Ja, der hat das wahrscheinlich gemerkt, oder? Aber warum hat er gesagt, good luck, also viel Glück?
48:24
Also was wollte er damit implizieren? Naja, halt, ich habe dich durchschaut, ich weiß, dass du mir gerade was vorspielst, viel Glück dabei. Aber natürlich entsteht dann die Frage, warum meldet ihr das nicht den Behörden? Warum sagt er nicht seiner Mutter Bescheid oder seiner Schwester, hey, da ist jemand, der gaukelt euch was vor? Warum behält der große Bruder das für sich? Das ist ja auch total merkwürdig.
48:48
Aber es erklärt natürlich auch super viel. Es erklärt die Sonnenbrille, es erklärt irgendwie die Cappy, die er immer trägt und dass er immer ein Halstuch um hat und dass er auch so wenig redet. Und erinnerst du dich auch noch, als dem Nikolas, also dem Fake-Nikolas, die Fotos gezeigt wurden? Da hat er ja so richtig aufgesaugt, habe ich dir erzählt. Tatsächlich hat dieser unbekannte Mann oder dieser unbekannte Junge gesehen, dass Nikolas Lieblingsgeste so ein Peace-Zeichen ist, aber so nach vorne. Also er macht die beiden Finger, die auch beim Peace-Zeichen benutzt werden, so ein bisschen nach vorne geradeaus.
49:23
Und das hat sich dieser Mann gemerkt und am Flughafen auch gemacht und öfter mal zu Freunden gemacht. Und dadurch dachten alle, das ist typisch Nikolas.
49:33
Okay, dann scheint er ja aber so richtig strategisch da vorgegangen zu sein. Ja, total. Aber wer ist denn jetzt dieser Mann?
49:41
Ja, das ist jetzt die große Frage. Der Privatdetektiv teilt seinen Verdacht jetzt sofort den Behörden mit. Und dann ruft er Nikolas Mutter Beverly an. Und er muss jetzt ihr diese Nachricht übermitteln und sagt jetzt, Ma'am, der Junge in ihrem Haus, er ist nicht Nikolas. Am anderen Ende der Leitung herrscht jetzt kurz Stille. Dann antwortet Mutter Beverly, was soll das heißen, er ist nicht Nikolas?
50:08
Der Privatdetektiv erklärt ihr jetzt alles zu den Ohren, zu den Augen und dem Akzent. Er versucht, dass Nikolas Mutter so gut zu erklären, wie es nur geht, aber sie versteht nicht. Oder sie will nicht verstehen. In seinen Unterlagen notiert der Privatdetektiv später, Familie ist verunsichert, hält ihn weiterhin für den Sohn.
50:31
Und ein paar Tage später erhält der Detektiv jetzt einen Anruf von niemand anderem als Nicolas selbst. Und der sagt jetzt ziemlich wütend in den Hörer, die Einwanderungsbehörden sind überzeugt, dass ich Nicolas bin und die Familie auch.
50:48
Mit sehr starken französischen Akzenten.
50:52
Ja, aber tatsächlich stimmt das, was er sagt. Mutter Beverly und Schwester Carrie, die wehren sich gegen die Anschuldigung des Privatdetektivs. Sie stehen hinter Nikolas und auch als sich sein Verhalten in den nächsten Wochen verändert, stehen sie noch hinter ihm. Nikolas ist jetzt nicht mehr höflich und zurückhaltend.
51:12
sondern wütend und launisch. Er streift jetzt stundenlang draußen herum. Er stiehlt das Auto seiner Schwester und mit überhöhter Geschwindigkeit wird er jetzt von der Polizei in Oklahoma angehalten. Nikolas hat die Fenster runtergelassen und hört auf voller Lautstärke den Song von Michael Jackson, Scream.
51:33
Und eine Zeile da drin, Lynn, ist folgender.
51:37
Also so ein bisschen, man ist es leid, die ganzen Lügen zu hören. Die Lügen sind widerlich, man kann es nicht mehr aushalten, bitte halt jemand erbarmen.
51:56
Und ich bin jetzt auch total unschlüsselig, weil ehrlich gesagt, eigentlich glaube ich Nicolas nicht. Also spätestens nach dem Foto glaube ich Nicolas eigentlich nicht mehr. Aber...
52:05
Wenn ihm das alles wirklich passiert ist und die Leute ihm jetzt nicht glauben, wäre das natürlich unglaublich schrecklich.
52:13
Die Polizei nimmt ihn auf jeden Fall jetzt fest und Schwester Carrie muss ihn dann auf der Wache abholen. Ich finde es auch ein bisschen auffällig, dass er jetzt einfach Auto fahren kann. Da kommt ja wieder was Komisches hinzu. Er ist drei Jahre weg gewesen und plötzlich rast er über die Autobahn.
52:29
Ja, voll.
52:31
Kurz vor Weihnachten schließt sich Nicholas jetzt ins Badezimmer ein und kommt mit blutigen Schnitten im Gesicht wieder heraus. Oh Gott, was ist passiert? Ja, das fragt sich auch seine Schwester Carrie, die ist total verzweifelt und sie fragt sich jetzt, wie kann sie ihrem kleinen Bruder noch helfen?
52:45
Also hat er sich das selbst angetan?
52:47
Ja, ja. Und Carrie, die weiß nicht mehr weiter und sie sieht nur eine letzte Möglichkeit, nämlich die Psychiatrie. Als Nikolas dann zurück nach Hause darf aus der Psychiatrie, steht die FBI-Agentin Nancy Fischer vor der Tür von Mutter Beverly. Sie will nun endgültig klären, ob Nikolas Beverlys Sohn ist. Sie will dafür Blutproben entnehmen, um einen DNA-Test durchzuführen. Ach, das wurde bisher überhaupt nicht gemacht?
53:14
Also das hätte ich ja vermutet, dass das vielleicht mal das Erste ist, was man macht.
53:19
Die haben einfach geglaubt, dass die Familie halt ihr Kind, ihren Bruder erkennt.
53:23
Das fand ich eh schon so weird, dass es in der Botschaft gereicht hat, dass die Schwester einfach sagt, ja, ich schwöre, der ist es. Und Amerika vielleicht nicht einmal sicher gehen will, dass es wirklich ihr Staatsbürger ist.
53:35
Ja, ist schon ganz schön krass, aber irgendwie denkt man sich auch, warum sollte die Schwester das nicht erkennen?
53:41
Ja, ich hätte vermutet, dass zumindest in den Ermittlungen, was ihm passiert ist, man vielleicht mal diesen DNA-Test macht. Absolut, dass es irgendwie eine Formalie ist.
53:52
Aber Mutter Beverly, die könnte das ja alles jetzt aufklären durch den DNA-Test, aber sie verweigert die Entnahme.
54:00
Oh Mann, also die Familie will natürlich auch einfach, dass das ihr Sohn ist. Und wahrscheinlich hat sie mega Angst, dass ihr Kind ihr jetzt wieder weggenommen wird.
54:10
Ja, sie zischt jetzt wirklich wütend so, wie können sie es wagen zu behaupten, dass er nicht mein Sohn ist?
54:16
Die FBI-Agentin ist vollkommen ratlos, was sie nun tun soll und kontaktiert jetzt sogar die CIA und bittet um Hilfe, Nikolas zu identifizieren. Mitte Februar, vier Monate nach Nikolas' Rückkehr, erwirkt die FBI-Agentin jetzt eine gerichtliche Anordnung für den DNA-Test.
54:36
Also er lebt jetzt einfach schon vier Monate bei der Familie, ne?
54:41
Aber auch jetzt weigert sich Mutter Beverly wieder gegen die Entnahme. Sie wirft sich auf den Boden und fängt an zu schreien. Ich werde nicht aufstehen, er ist mein Sohn und ich muss das nicht beweisen. Und sie wirft jetzt auch der FBI-Agentin vor, dass sie ihr ihren Sohn ein zweites Mal wegnehmen will.
55:03
Aber die FBI-Agentin setzt sich durch. Sie nimmt jetzt neben Blutproben auch Fingerabdrücke von Beverly und von Nicholas und schickt sie an Interpol.
55:15
Und jetzt wird's wieder komisch, denn noch bevor die Ergebnisse zurückkommen, klingelt jetzt das Telefon bei dem Privatdetektiv Parker. Und diesmal ist Mutter Beverly am Telefon. Sie ist jetzt sehr verzweifelt, sie weint. Und sie sagt jetzt, dass sie doch nicht glaubt, dass der Junge in ihrem Haus ihr Sohn ist.
55:40
Warum hat sie denn jetzt ihre Meinung geändert?
55:43
Ja, Beverly erzählt jetzt, dass Nikolas und sie an einem Wohnblock vorbeigefahren sind, in dem sie jahrelang gelebt haben. Und Nikolas, der hat es geliebt, dort zu wohnen und erkannte auch fast alle Bewohner. Aber Beverly fällt auf, dass der junge Mann im Auto den Ort überhaupt nicht wiedererkannt hat.
56:03
Und in diesem Moment lässt Mutter Beverly die Zweifel endlich zu. Die Augenfarbe, der Akzent, die Erinnerungslücken, kann sich ein Mensch wirklich so grundsätzlich verändern? Ist dieser junge Mann, dessen Haare am Ansatz dunkelbraun herauswachsen, wirklich ihr Nikolas?
56:23
Boah, krass, dass es aber dann sowas gebraucht hat. Also dass sie diese ganzen äußerlichen Merkmale voll lange ignorieren konnte, aber so eine Erinnerung... sie so ein bisschen zum Aufwachen gebracht hat.
56:35
Und ich glaube auch, der DNA-Test kommt ja jetzt bald zurück und sie lässt sich zum ersten Mal auch so mental darauf ein, was ist, wenn da halt nicht das Ergebnis dabei ist, was ich möchte. Sie realisiert jetzt, dieser Mann ist nicht ihr Sohn, sondern ein Fremder, ein Betrüger.
56:55
Der Privatdetektiv bittet daraufhin Nikolas bzw. den Jungen um ein Treffen. Sie verabreden sich jetzt für den nächsten Morgen in einem Diner. Als Privatdetektiv Parker hier zum Tisch läuft, zieht er sein Hemd über dem Hosenbund hoch, damit Nikolas sieht, dass er keine Waffe trägt. Denn er will, dass sich Nikolas entspannt und erzählt, wer er wirklich ist.
57:18
Die beiden bestellen jetzt Pancakes und dann erklärt der Privatdetektiv dem Mann mit den braunen Augen, dass seine Mutter Beverly ihn angerufen hat und nicht mehr glaubt, dass er wirklich ihr Sohn ist.
57:32
Deine Mutter ist wirklich sehr aufgebracht, sagt er. Der Mann mit den braunen Augen starrt ihn an. Nach einigen Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen, sagt er dann, sie ist nicht meine Mutter. Das wissen sie auch. Der Privatdetektiv spürt, wie sein Herz jetzt schneller schlägt, als er den Mann vor sich fragt, wer in Wirklichkeit ist.
57:56
Und dieser antwortet jetzt, ich bin Frederic Burda und ich werde von Interpol gesucht.
58:04
Was? Hm?
58:06
Und wer um Himmels Willen ist jetzt Frédéric Bourdin? Das ist der eigentliche Mann.
58:11
Und so heißt der. Und der ist ein Verbrecher? Also warum? Also was? Ich verstehe gar nichts mehr.
58:19
Er ist tatsächlich in der Interpol-Datenbank, aber für ein Verbrechen, das sehr zu dem passt, was hier gerade passiert, dazu komme ich gleich.
58:28
Der Privatdetektiv steht jetzt auf, er entschuldigt sich kurz und geht zur Toilette. Sobald er die Tür hinter sich geschlossen hat, ruft er sofort die FBI-Agentin an und erzählt ihr, was er gerade erfahren hat. Aber die Agentin weiß bereits, wer der Mann mit den braunen Augen in Wahrheit ist, Frédéric Baudin. Die DNA-Probe hat ein Match in der Interpol-Datenbank gehabt.
58:52
Wir lassen gerade ein Haftbefehl ausstellen.
58:54
Halten Sie ihn noch etwas hin, weist die Agentin den Detektiv an.
58:59
Nach dem Diner-Treffen fährt der Mann dann nach Hause wieder zu Beverly und dort wartet die Polizei bereits und er wird festgenommen.
59:09
Er ergibt sich ohne Widerstand. Ich weiß, dass ich wieder Frédéric Baudin bin, sagt er ruhig.
59:16
Was? Wie komisch, als hätte er so seine Identität gewechselt.
59:23
Ja, ich glaube wirklich, dass das ein bisschen so gemeint ist. Ich glaube, er muss sich jetzt selbst versichern, dass er wieder er selbst ist. Aber das klingt ja so, als hätte er wirklich geglaubt, er ist Nikolaus. Ja, er weiß schon ganz genau, was er getan hat. Er hat das ja alles sehr schlau geplant und auch mit der Verkleidung so durchgezogen. Aber ich glaube, er hat sich einfach sehr krass reingesteigert. Mutter Beverly fragt jetzt die FBI-Agentin, warum habt ihr so lange gebraucht?
59:51
Und damit meint sie so ein bisschen, warum seid ihr dem Ganzen nicht früher auf die Schliche gekommen? Ja, genau. Warum hat er vier Monate bei denen gelebt?
59:58
Also ich verstehe zum einen die Frage, aber andererseits ist ja ein ganz großer Grund, warum sie so lange gebraucht haben, weil die Familie so daran festgehalten hat, dass das ihr Sohn ist.
60:09
Also man versteht so ein bisschen die Frustration, aber gleichzeitig ist sie wahrscheinlich auf beiden Seiten zu spüren.
60:15
Aber das bringt uns natürlich zur Frage, und das möchte ich jetzt endlich mal aufklären, wer zur Hölle ist Frédéric Baudin.
60:24
Ja, das müssen wir jetzt endlich auch aufklären. Also er scheint ja auf jeden Fall ein Betrüger zu sein, aber warum wird er von Interpol gesucht? Das klingt ja fast so, als hätte er noch mehr Verbrechen begangen. Und was ist seine große Motivation gewesen?
60:37
Also erstmal ein kurzer Schocker. Niemand hat es irgendwie gecheckt. Frederic Boudin ist nicht 16 Jahre alt, wie er sich ja als Nikolas ausgegeben hat, sondern sieben Jahre älter und mittlerweile schon 23 Jahre alt. Die Familie dachte also die ganze Zeit, ihr mittlerweile 16-jähriger, minderjähriger Sohn sei zurückgekehrt. Dabei war das ein erwachsener Mann im Alter von 23. Und niemand hat es gecheckt.
61:04
Außer ich. Und Privatdetektiv Parker. Also als ich die zwei Fotos gesehen habe, habe ich das aber so, also möchte ich mir jetzt mal kurz die Credits geben, habe ich das sofort gecheckt und ich glaube, alle Exis, die das gesehen haben, haben es auch sofort gecheckt. Wahrscheinlich wirklich Leute, die das gerade hören, sind so, da, ich habe es auch schon vor zehn Minuten geahnt.
61:22
Ja.
61:23
Ja Leute, ihr hattet alle recht, er ist eigentlich viel älter, man sieht es ja auch so ein bisschen auf dem Foto. Aber deswegen hat er sich ja immer diese Verkleidung halt umgehangen. Frédéric Baudin wurde am 13. Juni 1974 geboren. Er hat braune Augen, also auch keine blauen wie Nicolas. Er hat dunkle Haare, auch keine blonden Haare. Und er hat dunklen Bartwuchs, den er versucht hat zu kaschieren. Und übrigens auch sehr smart, er hat sich seine braunen Haare vorher blond gefärbt extra.
61:54
Ich finde, das hat man aber schon auf den Fotos gesehen. Also es war schon relativ auffällig, aber ich kann es mir einfach nur so erklären, dass die sich wirklich so sehr gewünscht haben, dass ihr Sohn wieder da ist.
62:05
Und man verändert sich ja auch mit den Jahren. Also als Kind hatte ich wirklich so hellblonde Haare und einen Bobb. Und ja, jetzt halt nicht mehr, jetzt ist ja so ein Straßengöterblond.
62:14
Aber Leo, du musst mir jetzt endlich erklären, wer ist denn überhaupt Frédéric? Also wer ist dieser falsche Nicolas?
62:21
Frédéric Baudin kommt aus der Nähe von Nantes in Frankreich. Da waren wir ja auch erst letztens bei der Mord-of-Ex-Folge zu der Familie, die verschwunden ist mit dem Familienvater Xavier. In der Stadt ist auch Frédéric Baudin geboren worden.
62:35
Man muss auch sagen, Nicolas' Familie ist nicht die erste, die er hinters Licht geführt hat. Denn genau dieses Vorgehen ist ein Muster. Denn Frédéric Bourdin stiehlt schon sein ganzes Leben. Und zwar Identitäten. Krass, also er ist wirklich ein Hochstapler wie aus dem Buchung. Ich finde eigentlich gar nicht wie aus dem Buche. Also ich finde ihn super ungewöhnlich, weil man würde ja denken, dass jemand sich irgendwie einen höheren Job herbeischmuggelt oder man stiehlt was Physisches, um sich zu bereichern.
63:13
Aber Frederic Bondart, er stiehlt Identitäten von vermissten Kindern, um einfach nur in eine Familie hereinzukommen. Und sowas habe ich noch nie gehört. Also ich finde das so ungewöhnlich. Es ist nämlich so, dass Frédéric Baudin sich schon als Kind ungewollt und ungeliebt gefühlt hat. Seine Mutter wird von einem verheirateten Kollegen in der Margarinefabrik schwanger, wo sie gearbeitet hat, als sie gerade mal 17 Jahre alt war.
63:40
Frederic wird seinen leiblichen Vater nie kennenlernen. Seine Mutter wiederum hat psychische Probleme und als Kind muss Frederic Hilfe holen, nachdem sie einen Suizidversuch unternommen hat. Er kommt dann in die Obhut seiner Großeltern, aber sein Opa ist ein Rassist und er beschimpft den kleinen Frederic immer wieder, weil sein leiblicher Vater aus Algerien stammt und der Opa sagt, das sieht man.
64:06
Der Arme, dann hat er sich wirklich einfach nur Liebe gewünscht. Ja, das ist das Motiv.
64:11
Ja, das ist so krass. In der Schule ist Frederik auch ein Außenseiter. Er schämt sich für sich selbst, für seine Familie. Und er fängt schon in der Schule an, den anderen Kindern Fantasiegeschichten über seine Herkunft zu erzählen. Er erzählt zum Beispiel einmal, sein Vater sei ein britischer Spion und deswegen sei er auch nie da.
64:33
Und schon als kleiner Junge ist er verhaltensauffällig. In der Schule malt er Comics, die ihn selbst beim Ertrinken zeigen. Und mit zwölf Jahren geben ihn dann seine Großeltern in ein Jugendheim ab. Nun hat Frederik keine Familie mehr.
64:48
Aber er wünscht sich nichts sehnlicher als das. Eine Familie. Eine Familie, bei der er Kind sein darf. Eine Familie, bei der er das bekommt, wonach er sich immer schon gesehnt hat. Sorglosigkeit, Liebe, Geborgenheit.
65:05
Weil sich sein Verhalten nicht bessert, wird er mit 16 Jahren in ein anderes Heim für ältere Kinder verwiesen. Aber auch hier reist er aus, trammt bis nach Paris und wird dort von einem Polizisten angesprochen. Der Polizist fragt, wie der abgemagert aussehende Junge heißt.
65:23
Jimmy Sale, antwortet er, ich bin Engländer und ich habe mich verirrt. Aber der Polizist wundert sich, warum ein Engländer nur gebrochenes Englisch spricht, mit starkem französischen Akzent. Und dann gibt Frederik zu, dass er gelogen hat und wird wieder zurück ins Jugendheim gebracht.
65:41
Aber warum hat er diese Lüge jetzt gemacht? Also ist er einfach so ein notorischer Lügner?
65:49
Eigentlich bringt ihm das ja gar nichts, da zu lügen. Ja, das war tatsächlich so, sag ich mal, der erste Versuch, sich eine neue Identität aufzubauen. Also die erste Identitätsdiebstahl, wenn man so will, obwohl es halt diesen Menschen, die er sich da ausgedacht hat, wahrscheinlich gar nicht so gibt.
66:04
Aber Frederik sagt genau darüber viele Jahre später selbst, ich hatte den Traum, dass sie mich nach England zurückschicken, wo ich mir das Leben viel angenehmer vorstellte.
66:16
Man muss aber auch sagen, das ist vielleicht auch nur so eine Seite der Wahrheit. Gleichzeitig nämlich testet Frederik auch immer selber so ein bisschen aus, wie weit er mit seinen abenteuerlichen Geschichten eigentlich gehen kann und wie die Beamten darauf reagieren. Und das nächste Mal passt er seine Geschichte dann so an, dass ihm mehr geglaubt wird.
66:35
In den nächsten Jahren verschwindet Frédéric Baudin immer wieder und taucht immer wieder unter neuer Identität in einem anderen Land in Europa auf. Einmal wird der Ambano von Longre in Frankreich gefunden, wo er den Beamten erzählt, er sei ein krankes Waisenkind. Daraufhin wird er an einem Kinderkrankenhaus aufgenommen. Der behandelnde Arzt schreibt in seinem Gericht Folgendes. Wir sehen uns mit einem jungen Ausreißer konfrontiert, der stumm ist und mit seinem früheren Leben gebrochen hat.
67:04
Im Krankenhaus schreibt Frederik dann auch auf, was er sich am meisten wünscht. Und da steht dann, ein Zuhause und eine Schule, das ist alles.
67:14
Oh Mann, also ich weiß, er ist eigentlich natürlich auch ein Buchstapler und ein Verbrecher, aber so die Motive, die er hat, das finde ich richtig traurig. Also da habe ich irgendwie voll Mitleid mit ihm.
67:26
Ja, tatsächlich fliegt das natürlich dann auch auf im Krankenhaus. Deswegen geht er dann dort auch von selbst wieder weg, bevor das irgendwie Konsequenzen nach sich zieht. Und dann ist er auch wieder zurück im Jugendheim. Aber als er 18 wird, ist die Zeit natürlich da vorbei. Er muss sich jetzt ein eigenes Leben aufbauen, also auch eine eigene Identität.
67:44
Aber das kann er nicht so richtig. Er vermisst die Fürsorge, die er auch im Kinderheim bekommen hat. Es war irgendwie auch der einzige Ort, wo er überhaupt mal Fürsorge bekommen hat und das will er nicht mehr aufgeben. Frederic zieht jetzt durch Europa und erfindet immer wieder neue Identitäten, unter denen er sich in Jugendheime einweisen lässt.
68:05
Wenn er merkt, dass seine Lügen langsam aufliegen, reißt er aus und beginnt das gleiche Spiel von vorne. Und Lynn, das ist so krass, er lebt einfach in mehr als 15 Ländern, spricht mittlerweile fünf Sprachen und hat unzählige Identitäten angenommen.
68:23
Und dann schaut er einfach immer so ein bisschen, welche Vermisstenmeldung zu ihm passen würde äußerlich.
68:29
Also er arbeitet nicht immer nur mit Vermisstenmeldungen, sondern er gibt sich immer als so verwaistes Teenagerkind aus und sagt, er will irgendwo ins Jugendheim. Dann wird er immer dahin gebracht und irgendwann fällt ihm auf, ach, der spricht ja gar kein Deutsch. Und dann fliegt es auf. Und er ist ja auch schon älter, als es eigentlich erlaubt wäre, dort zu wohnen. Das ist so ein bisschen der Hintergrund. Wir wissen auf jeden Fall durch Recherche, Rekonstruktion, welche Identitäten er sich schon gegeben hat. Und das sind unter anderem diese Namen.
69:00
Also falls ihr irgendwie schon mal mit jemandem mit diesem Namen Kontakt hattet, vielleicht war es in Wirklichkeit Frederik.
69:05
Er hat sich nämlich schon genannt.
69:23
Also das sind halt schon die Identitäten, die er mal irgendwann hatte. Und er sagt später auch in einem Interview, das Einzige, was man wirklich nicht vergessen darf, ist der Name, den man sich gegeben hat. Da würde ich ihm, glaube ich, nicht zustimmen.
69:37
Also ich finde sogar den Namen fast das Unwichtigste, weil wie selten sagst du deinen eigenen Namen? Also ich glaube, du fliegst viel eher auf, wenn du zum Beispiel nicht den Namen deiner Mutter kennst oder das Geburtsdatum von jetzt irgendwie deinen Eltern oder so. Also so ganz wichtige Sachen, wo jetzt die Leute um dich rummerken. Also wenn ich nicht mehr wüsste, wer du bist,
70:00
Dann wüsstest du, glaube ich, dass irgendwas mit dir ist. Ja, ich glaube, da hat er die Methode angewandt, dass er einfach sich stumm gestellt hat. Er hat dann ja immer auf irgendwie traumatisiert und stumm getan, damit nicht weiter nachgefragt wird. Für jede neue Identität hat er außerdem einen eigenen Charakter entworfen, also eine neue Person.
70:19
Er malt sich dann das Kind aus, das er darstellen will und entwirft eine ganze Biografie, eigentlich so wie du es gerade sagst. Also er denkt sich wirklich eine Familiengeschichte aus und überlegt sich wirklich eigene Gewohnheiten für den Charakter, den er sich gegeben hat. Dann verändert er auch dementsprechend sein Äußeres. Teilweise rasiert er sich sorgfältig, zupft sich die Augenbrauen, zieht weite Hosen an und ein Hemd mit langen Ärmeln, damit er kleiner wird.
70:48
Wenn er dann seine neue Identität geschaffen hat, ruft er die örtliche Polizei an und gibt sich als Tourist oder als Fußgänger aus, der wiederum ein verängstigtes Kind gefunden hat. Und die Polizei macht sich natürlich dann Sorgen und versucht irgendwie, das Kind aufzugabeln. Und das ist in dem Fall dann Frederik, der sich dann wieder zum Kind verändert hat.
71:09
Und er wurde auch mal irgendwann später gefragt, ob er Angst hatte, dass was auffliegt, dass die erkennen, dass er halt ein Erwachsener ist. Aber da hat er darauf geantwortet, ach, da hat er sich keine Sorgen gemacht, weil Teenager versuchen doch immer älter auszusehen.
71:24
Ja, krass. Er spielt halt voll mit dieser Hilflosigkeit und damit das Menschen halt immer helfen wollen und eigentlich das Gute sehen, was ja auch total, also was total schön ist. Aber man vermutet einfach nicht, wenn da Also, dass er Hilfe braucht, dass man dann betrogen wird.
71:56
nicht irgendwie irgendwas stehlen will, sondern dass er einfach nur Liebe will. Und das ist so ein ungewöhnliches Motiv, dass man das, glaube ich, also dass man oft die Tat dadurch nicht erkennt. Ja, und er selber sagt auch später mal dazu, niemand stellt sich vor, dass ein scheinbar schutzloses Kind lügt. Und das stimmt natürlich. Also warum sollte es?
72:20
Ja, irgendwie erinnert mich das alles auch so ein bisschen an Leonardo DiCaprio in Catch Me If You Can, weil da ist ja auch immer so, ja, man muss einfach sozusagen den Leuten die Illusionen geben und dann glauben sie das schon.
72:37
Ja, tatsächlich kann man da schon ein paar Parallelen ziehen. Vielleicht sprechen wir auch bald irgendwann mal über den Fall von Frank Abagnale. Das ist ja Catch Me If You Can, die Geschichte. Also falls ihr dazu was hören wollt, könnt ihr natürlich gerne kommentieren. Tatsächlich ist es auch so, dass Frederik selbst sich sogar ein paar Mal mit dem verglichen hat. Also wenn er irgendwie jemanden hatte, wo er sich gern verglichen hat, dann war das tatsächlich Frank Abagnale. Aber er hat auch mal irgendwann gesagt, mir ist klar, ich kann grausam sein, aber ich will kein Monster werden. Also er weiß schon, dass er auch Menschen verletzen kann mit dem Verhalten.
73:09
Ja, das geht wieder voll da rein, dass er ja eigentlich...
73:12
nur geliebt werden will.
73:13
Aber spätestens dann, wenn es auffliegt, dann verletzt er halt schon Menschen immer wieder. Und es scheint ja auch immer wieder aufzufliegen, oder? Wenn er immer wieder die Familien wechseln muss oder die Kinderheime.
73:28
Ja, genau. Und er war ja auch, also er ist ja bei Interpol gelistet. Das heißt, er muss ja schon mal irgendwann wirklich auch verhaftet worden sein, damit sowas passiert.
73:35
Und
73:36
Und tatsächlich ist es ein paar Mal wirklich so gewesen, dass er nicht rechtzeitig abhauen konnte und dann von Ermittlern überführt wurde. Und sein wahrer Name, Frédéric Baudin, wird deswegen irgendwann bei Interpol gelistet. Zusammen mit seinen Finger abdrücken. So soll eine Identifizierung, wenn er mal wieder verhaftet wird, vereinfacht werden.
73:54
Und natürlich schulde ich dir noch ein paar letzte Details, nämlich die Wahrheit dahinter, wie er bei Nicolas' Familie gelandet ist und warum er sich diese Familie ausgesucht hat. Tatsächlich ist es so, dass Frederik mit der Zeit sein Verhalten wirklich krass professionalisiert hat und genau so ist er auch zu Nicolas' Familie gekommen. Als Frederic mal wieder kein aktuelles Zuhause hat, überlegt er sich folgendes. Es ist ja jetzt Oktober 1997, er ist mittlerweile 23 Jahre alt und er befindet sich gerade in Spanien.
74:26
Er ruft jetzt die Polizei in Linares an, also da, wo später ihn Carrie ja auch abholt. Und er gibt sich jetzt hier wieder als ein Tourist aus und erzählt, er habe einen verängstigten Teenager in einer Telefonzelle gefunden, der nicht sprechen will.
74:41
Als die Polizei ankommt, verwandelt er sich schnell in den Teenager und gibt sich jetzt als eben verängstigter Jugendlicher aus. Er wird dann ins Kinderheim gebracht und soll da erzählen, wer er ist. Die Jugendrichterin, die seinen Fall zugewiesen bekommt, findet ihn aber sehr auffällig und glaubt ihm nicht so ganz, dass er ein Waisenjunge ist.
75:01
Sie gibt dem stummen Jugendlichen eine Frist von 24 Stunden. Wenn er sich bis dahin nicht ausweisen kann, werden sie seine Fingerabdrücke und Bilder von ihm von Interpol überprüfen lassen. Das will Frederik auf jeden Fall verhindern. Weil es würde auch bedeuten, er war ja schon vorbestraft, dass ihm jetzt eine Gefängnisstrafe droht, deswegen braucht er einen neuen Plan.
75:25
Er erzählt den Heimmitarbeitern jetzt, er sei ein Amerikaner, der von zu Hause weggelaufen sei. Und er verspricht ihnen, dass er sich ausweisen wird, aber er will erst seine Familie in den USA persönlich kontaktieren. Die besorgten Mitarbeiter willigen jetzt ein und erlauben Frederik, die Nacht im Büro zu verbringen, damit er dort das Telefon benutzen kann.
75:49
Und Lynn, Frederik hat sich in dieser Zeit ganz genau überlegt, wo es ihm in den USA wohl gefallen könnte und hat sich überlegt, Seattle klingt doch nett.
76:00
Ach, dann ging es ihm gar nicht um die Familie, sondern eher um den Ort.
76:05
Ja, so halb. Also er ruft jetzt die Polizei von Seattle an. Wie, er ruft einfach bei der Polizei an? Ja, er hat einen nicht schlechten Plan sich ausgedacht. Und er stellt sich dort als spanischer Polizist vor. Und übrigens, er nennt dort einen Namen, den er später auch Carrie sagt, also seiner Schwester, als sie mit dem Heim telefoniert. Das heißt, er hat sich später auch als Heimleiter ausgegeben. Nein! Er ist wirklich so krass, wie er das auch dann irgendwie mit Telefonaten auch durchzieht.
76:37
Also er ruft jetzt halt bei der Polizei in Seattle an und erklärt, dass er hier in Spanien einen amerikanischen Jugendlichen gefunden habe. Und dann zählt er einfach seine eigenen äußerlichen Merkmale auf. Er sagt jetzt, der ist männlich, der ist relativ klein, der hat eine schmale Statur, der hat eine Zahnlücke.
76:57
Und dann hat er einfach darauf gehofft, dass die sagen, ah ja, so ein Kind vermissen wir.
77:00
Ja, genau. Er hat so gesagt, ja, der müsste jetzt so irgendwie fast erwachsen sein, wenn der gefunden wird. Er hat alles aber so vage gehalten, dass er zu den Beschreibungen mehrerer Vermisster passen könnte.
77:13
Die Polizei in Seattle stellt ihn jetzt zum Nationalen Zentrum für Vermisste Kinder durch. Und Frederik erzählt der Frau am Telefon jetzt genau die gleiche Geschichte und wartet geduldig, als sie ihre Unterlagen durchsucht. Das ist mega klug gemacht, weil...
77:28
Er gar nicht sagt, ich bin das Kind, sondern er lässt sozusagen die Leute den passenden Kandidaten für sich suchen.
77:36
Er lässt sie eigentlich die Arbeit machen. Und nachdem sie das ganze Register durchschaut hat, sagt sie, ja, es gibt tatsächlich ein Kind, auf das die Beschreibung passen könnte. Nicholas Barkley, der seit mehr als drei Jahren in Texas vermisst wird.
77:51
Und Frederik wollte ja eigentlich nach Seattle. Das war ja eigentlich sein Hauptkriterium. Und er denkt sich jetzt, hm, toll, Seattle ist es nicht und Texas ist jetzt nicht mein Traumziel. Aber als die Frau ihm jetzt ein Foto von Nikolaus zufax, da sieht er, gut, das könnte schon funktionieren. Die Bildqualität ist recht schlecht, aber selbst darauf kann er erkennen, dass er und Nikolaus Ja, die sehen sich zwar nicht komplett ähnlich, aber haben ein ungefähr ähnliches Gesicht.
78:23
Die Nase könnte auch hinhauen und vor allem die Zahnlücke. Aber Nikolas wiederum hat hellblonde Haare und er ist bei seinem Verschwinden 13 Jahre alt. Und Frederik wiederum hat ja schwarze Haare und einen schwarzen Bart und ist halt viel älter. Und es gibt ja noch ein ganz großes Problem, nämlich die Augenfarbe. Und das ist nämlich auch noch das Problem, genau. Aber Frederik denkt sich in dem Moment, ja gut, wo Zweifel sind, ist meine Chance. Also sagt er jetzt der Frau am Telefon, ich habe gute Nachrichten.
78:53
Nikolaus Barkley steht neben mir.
78:56
Er bekommt jetzt die Telefonnummer von Nicolas' Familie und gibt sich da im Gespräch als Leiter des spanischen Kinderheims aus. Und er sagt, wir haben Nicolas gefunden. Das ist also auch der Anruf, den Beverly am Anfang am Donutladen verpasst hat. So krass, oder? Das ist alles Frederik gewesen.
79:14
Ich hatte ja vorhin so ein bisschen Mitleid mit ihm, weil er ja eigentlich nur Liebe will, aber es ist schon eiskalt. Also er spielt schon auch doll mit dieser Hoffnung einer Mutter, einer ganzen Familie.
79:26
Ich finde es richtig krass. Also klar, das Motiv ist total irgendwie mitleiderregend und erstmal fühlt man da auch mit, aber...
79:35
Also ja, wie du schon sagst, diese Familie fällt da komplett drauf rein und das ist so schrecklich. Und jetzt hat Frederik richtiges Glück. Denn das Nationale Zentrum für Vermisste Kinder schickt mehr Bilder und eine Beschreibung des verschwundenen Nikolas.
79:51
Und diese Dokumente wiederum kann Frederik abfangen. Und ihm rutscht jetzt das Herz in die Hose, denn er erkennt jetzt, dass auf den Fotos ihm ein blonder Junge mit blauen Augen entgegen lächelt. Und er wird jetzt panisch, weil er hat bei dieser Aufzählung vergessen, die Augenfarbe zu nennen und die ist ja essentiell, die kann er ja nicht mehr ändern. Und er muss sich jetzt irgendwas ausdenken. Und er muss sich vor allem jetzt auch zusammenreißen, vor allem, weil er jetzt auch erfährt, dass seine Schwester, also Nikolas' Schwester, bereits auf dem Weg nach Spanien ist.
80:22
Aber er will seinen Plan weiter durchziehen. Er muss irgendwie Nikolas Barkley werden. Also studiert er die Unterlagen jetzt ganz genau. Er kauft sich jetzt blonde Haarfarbe und färbt seine Haare hellblond. Und er liest in den Unterlagen, dass Nikolas ein Tattoo hatte.
80:38
Also fragt er im Heim jetzt rum, welcher der Jugendlichen tätowieren kann und lässt sich mit Tinte aus einem Kugelschreiber und einer Nadel den Buchstaben T auf die linke Hand zwischen Daumen und Zeigefinger stechen. Genauso wie Nikolas das hatte. Und das sind so Sachen, wenn Carrie die sieht, als Schwester, bist du ja so, krass, das Tattoo ist so einzigartig, wer hat das schon?
81:01
Krass, dass der aber auch schon mit 13 tätowiert war.
81:05
Ja, ich glaube, wie gesagt, Niklas kommt nicht aus einem überbehüteten Haushalt oder aus einem gut behüteten Haushalt. Aber eine Sache kann er ja weiterhin nicht verändern, nämlich die Augen. Frederik überlegt jetzt die ganze Nacht, wie er das erklären soll. Und da kommt ihm die Idee. Was, wenn er von einem Kindersexring nach Europa entführt, dort gefoltert und vergewaltigt wurde und als Versuchsobjekt gedient hätte?
81:32
Boah, ich bin ganz ehrlich, ich bin ganz, ganz froh, dass er sich das ausgedacht hat, weil... Manchmal gibt es halt so Geschichten, die wir bei Mord of X erzählen, wo ich so bin, bitte, bitte lass sie nicht wahr sein. Und das war sowas, wo ich schon die ganze Zeit so in meinem Hinterkopf gedacht habe, ich wüsste doch wahrscheinlich davon, das kann eigentlich nicht wahr sein. Aber es gibt leider manchmal auch so Geschichten und dann stimmen sie. Aber ich bin sehr froh, dass das seiner Fantasie entstammte.
81:56
Ja, er hat sich das einfach nur ausgedacht, damit er mit dieser chemischen Substanz, die in seine Augen injiziert wurde, erklären konnte, warum er plötzlich braune Augen hat. Er weiß selbst eigentlich, wie unglaublich oder unglaubwürdig diese Geschichte klingt, aber denkt sich auch, wo Zweifel sind, ist meine Chance. Das ist ein bisschen sein Lebensmotto.
82:15
Und was dann passiert, das habe ich dir am Anfang bereits erzählt, das wissen wir schon. Gehen wir also jetzt an den Punkt, an dem Frederic Baudin verhaftet wird. Viereinhalb Monate nachdem er in die USA gekommen ist, sitzt er jetzt in Untersuchungshaft im Wilson County Jail in Floresville, Texas. Vorgeworfen wird ihm, die Behörden unter Eid belogen zu haben und sich unrechtmäßig einen Reisepass verschafft zu haben. Für die Familie von Nicholas Barkley bricht jetzt erneut eine Welt zusammen.
82:45
In der Dokumentation »The Imposter«, die über Frederic Boudin gedreht worden ist, erzählt Nicholas' Schwester Carrie, sie sei vor Trauer in ein tiefes Loch gefallen. Und sie habe sich immer wieder gefragt, wie konnte ich nur so verdammt dumm sein?« Übrigens, das ist ein riesengroßer Leo-Tipp, den ziehe ich jetzt einfach schon mal vor. Falls ihr euch von all den Leuten, über die ich heute gesprochen habe, nochmal ein eigenes Bild machen wollt, dann könnt ihr diese Dokumentation kostenlos auf YouTube sehen. Einfach die Imposter eingeben.
83:16
Das ist wirklich so eine krasse Doku. Also alle sprechen, auch Frederik spricht, erzählt das ganz nüchtern. Ja, dann habe ich die einfach belogen. Also große Empfehlung gibt es auf jeden Fall kostenlos zu sehen. Also nicht so emotional.
83:31
Es scheint ihm ja ein bisschen egal zu sein. Er fordert Liebe, aber es ist ihm scheißegal, dass er die Emotionen von anderen Menschen verletzt.
83:38
Frederik wartet jetzt an Urhaft aus seinem Prozess und hat jetzt sehr viel Zeit nachzudenken. Und diese Gedanken sind auch ganz spannend, von denen er jetzt erzählt. Also wir kommen nämlich jetzt zu einer weiteren Wendung, mit der du wahrscheinlich nicht rechnen wirst.
83:53
Denn Frederik, der überlegt sich jetzt, warum hat die Familie ihn eigentlich so bereitwillig aufgenommen? Also er sagt selber, dass er selbst überrascht war, wie bereitwillig die Familie ihn aufgenommen hat, ohne wirklich ernsthafte Fragen zu stellen. Und er denkt jetzt viel über das Grillfest nach, wo er Nikolas großen Bruder kennengelernt hat. Und der, der als einziger durchschaut, dass er in Wirklichkeit nicht Nikolas war und hat ihm ja einfach nur viel Glück gewünscht und ist weggegangen.
84:24
Aber warum, fragt sich Frederik, hat der große Bruder einen Fremden bei seiner Familie wohnen lassen, ohne ein einziges Wort zu sagen?
84:32
Außer viel Glück, das fand ich auch so richtig merkwürdig.
84:36
Und er hat jetzt eine eigene Theorie und die teilt er auch der Polizei mit. Er greift jetzt zum Telefon und ruft die Polizei von San Antonio an. Und er sagt jetzt den Beamten, Nikolas ist tot und ich weiß, wer dafür verantwortlich ist.
84:54
Und er erzählt dem Beamten jetzt, dass Mutter Beverly ihn gerade im Gefängnis besucht hat und sie soll ihm etwas gestanden haben, nämlich dass sie und Nikolas großer Bruder zusammen Nikolas umgebracht und dann seine Leiche beseitigt haben. Dass er sich dann als der verschwundene Nikolas ausgegeben hat, kam der Familie also sehr recht. Sie hätten von Anfang an gewusst, dass er gelogen hat und deswegen habe sich Mutter Beverly auch so sehr gegen die DNA-Tests gewehrt.
85:25
Was? Okay, das ist ja komplett crazy. Also er sagt jetzt, eigentlich ist Nicholas tot und die Familie hat sich dann gedacht, Jackpot, jetzt wird sogar noch so getan, als gäbe es einen neuen Nicholas. Das beste Alibi aller Zeiten. Also das Einzige, was ich mich jetzt so frage, also sie brauchen das Alibi ja nicht, weil es wurde ja anscheinend auch nicht gegen sie ermittelt zu diesem Zeitpunkt. Oder?
85:47
Ja, also es wurden sich schon ein paar Leute angeschaut in der Familie. Es gab schon Spekulationen darüber, ob tatsächlich die Familie irgendwas damit zu tun haben könnte.
85:56
Krass. Ja, okay, dann macht es viel mehr Sinn. Aber warum hat die Mutter das jetzt Frederik gestanden oder hat sie so ein bisschen gefragt, ob er das weiterspielen könnte?
86:04
Das ist die große Frage, das konnte ich selbst auch irgendwie nicht klären, was es damit auf sich hat. Er sagt halt einfach nur, ich bin ein guter Schauspieler, aber so gut auch wieder nicht. Die Familie wollte, dass ich Nikolas bin, um ihre wahre Tat zu verdecken.
86:20
Und ja, du hast schon einen richtigen Punkt. Warum sollte die Mutter das Frederik erzählen? Tatsächlich ist die Familie auch total sauer. Die sagen so, Leute, das sind Lügen. Wie könnt ihr einem Hochstapler jetzt überhaupt sowas glauben? Wie könnt ihr dem überhaupt zuhören? Weil tatsächlich nehmen die Mordermittler die Aussage von Frederik jetzt auf und sie ermitteln jetzt gegen Beverly und den großen Bruder. Krass.
86:47
Ja, also es ist wirklich unfassbar. Natürlich bestreitet die Familie, etwas mit Nikolas Tod zu tun zu haben, aber bei den Behörden sind da schon so ein paar Zweifel. Und tatsächlich fordern auch ausgerechnet die FBI-Agentin und der Privatdetektiv Parker, dass die Ermittlungen gegen die Familie fortgeführt werden. Ihnen kommt das Verhalten der gesamten Familie verdächtig vor.
87:11
Und was auch richtig auffällig ist, Lynn, während dieser Ermittlungen stirbt der große Bruder an einer Überdosis Kokain. Und er war eigentlich ein Jahr lang clean. Und die FBI-Agentin und der Privatdetektiv wiederum vermuten, dass er eventuell Suizid begangen haben könnte, weil man ihn auf die Schläche kommt.
87:32
Okay, ja, aber da muss ich sagen...
87:36
Also ich finde, das ist jetzt kein Schuldindiz. Es kann auch sein, dass er Suizid begangen hat, weil ein Hochstapler seine Familie betrogen hat und jetzt wird er des Mordes an seinem kleinen Bruder verdächtigt. Also ich finde, das ist jetzt nichts, was automatisch für seine Schuld spricht, sondern könnte genauso gut für seine Unschuld sprechen.
87:53
Ja, es ist schon ganz schön auffällig. Man muss aber auch dazu sagen, es wurde schon mal gegen Nikolas älteren Bruder ermittelt, also auch nach dem Verschwinden von Nikolas. Denn damals war eine Geschichte auffällig, die der Bruder einige Monate nach Nikolas verschwunden erzählt hat. Damals hat er nämlich der Polizei gegenüber gemeldet, dass er Nikolas beim Versuch gesehen hat, in die Garage der Familie einzubrechen. Und Nikolas sei dann davon gelaufen, bevor der große Bruder ihn erreichen konnte. Und damit hätte es einen Hinweis gegeben, dass Nikolas nach seinem Verschwinden also noch lebt.
88:27
Später wurde genau diese angebliche Sichtung dann als kritisch betrachtet, weil sie so ein bisschen halt den Verdacht von der Familie weglenken soll, dass er vielleicht tot wäre.
88:36
Ja, also ich finde es schon irgendwie mega auffällig, weil ich habe mich natürlich auch schon gefragt, was ist denn jetzt mit dem echten Niklas passiert? Aber ich tue mich auch wirklich schwer damit, jemandem zu glauben, der sein ganzes Leben lang gelogen hat.
88:49
Genau, das muss man hier nochmal festhalten. Für die Behauptungen von Frederik gibt es keine Beweise. Das sind seine Vermutungen, das sind seine Behauptungen.
88:59
Und er ist einfach ein notorischer Lügner bis dahin. Also warum soll man dann plötzlich ihm irgendwas glauben? Tatsächlich sagt die FBI-Agentin Fischer dazu, die den Fall ja jetzt auch schon sehr, sehr lange dann behandelt hat. In 99 Fällen lügt er und die hundertste Story ist vielleicht die Wahrheit. Aber man weiß es einfach nicht.
89:19
Und mit diesen Lügen hört Frederik in Urhaft nicht auf. Während er auf seinen Prozess wartet, ruft er über das Gefängnistelefon hunderte Familien vermisster Kinder an. Und er bringt sie dazu, die Gesprächskosten zu übernehmen und behauptet Informationen über ihre verschwundenen Kinder zu haben.
89:37
Wie schlimm. Also ich habe gar kein Mitleid mehr mit diesen Menschen. Das finde ich grausam.
89:42
Ich finde es auch. Also er wird später auch mal gefragt, warum er das getan hat, weil er es den Familien ja auch voll viel Hoffnung gemacht hat, weil die Informationen, die er denen erzählt hat, waren wirklich frei erfunden und da hat er einfach nur mit den Schultern gezuckt.
89:54
Am 9. September 1998 akzeptiert Frédéric Bourdain dann ein Deal mit der Staatsanwaltschaft. Er bekennt sich schuldig, sich durch Betrug einen Reisepass verschafft zu haben und Falschaussagen unter Eid gemacht zu haben. Ihm drohen dann bis zu 25 Jahre Haft sowie eine Geldstrafe von bis zu 750.000 US-Dollar.
90:15
Kurz darauf wird er dann zu sechs Jahren Gefängnis in den USA verurteilt. Anschließend soll er nach Frankreich abgeschoben werden. Vor Gericht sagt Frederik folgendes. »Ich entschuldige mich bei allen Menschen aus meiner Vergangenheit für das, was ich getan habe. Ich wünschte, ich könnte erreichen, dass sie mir glauben. Aber ich weiß, dass das unmöglich ist. Ob ich im Gefängnis sitze oder nicht, ich bin ein Gefangener meiner selbst.« Und das glaube ich ihm tatsächlich. Also, dass er sich entschuldigt, vielleicht nicht.
90:45
Aber dass er ein Gefangener seiner selbst ist, glaube ich ihm schon. Weil wer sowas macht, der ist ja so verzweifelt nach irgendwas. Aufmerksamkeit, Anerkennung, Zugehörigkeit.
90:56
Ja, aber ich glaube, er erkennt immer noch nicht, was für Wunden er verursacht hat. Also er entschuldigt sich ja. Also er sagt ja eigentlich wieder nur so, lieb mich.
91:06
Ja, ja, ja.
91:08
Tatsächlich wird er auch dann fünf Jahre später nach Frankreich abgeschoben und nachdem er dort seine restliche Strafe verbüßt hat, lebt er gerade mal drei Monate in Freiheit, bevor er erneut aufliegt. Er hatte nämlich versucht, sich als ein 14-jähriger vermisster Junge auszugeben. Da ist er einfach schon 30. Also irgendwann muss das doch mal aufhören, oder?
91:28
Du kannst dich ja auch nicht ewig als Teenager ausgeben. Krass, oder?
91:33
Ich bilde mir ja auch manchmal ein, dass ich noch aussehe wie 17, aber nein.
91:37
Irgendwann muss man sich einfach mal im Spiegel angucken und sagen, nein, ich bin jetzt wirklich einfach erwachsen.
91:43
Vor allem war er genau dafür sechs Jahre im Gefängnis. Also es ist so krass, dass er einfach weitermacht und damit fliegt er dann nämlich auch fünf Wochen später auf. Da hat ihn eine Mitarbeiterin erkannt und hat gecheckt, dass das dieser berühmte Hochstapler ist, den sie schon im Fernsehen gesehen hat.
91:59
Daraufhin erhält er eine neute Bewährungsstrafe von sechs Monaten. Frederic selbst übrigens behauptet, im Laufe seines Lebens mehr als 500 verschiedene Identitäten erschaffen zu haben. Und auf seinem rechten Unterarm trägt er ein Tattoo mit der Aufschrift Carme Leon Nantes, also das Chamäleon aus Nantes.
92:25
Das finde ich auch so gruselig, weil er bezeichnet sich selbst als Chamäleon. Ja, sich selbst so einen Titel zu geben, hat auch wieder ein bisschen was Narzisstisches.
92:35
Also eigentlich hat es was sehr Narzisstisches. Ja, er ist schon sehr stolz darauf, dass er das hinbekommen hat, sich immer wieder neue Identitäten zu geben.
92:42
Auf die Frage, was ihn daran so gereizt hat, sagt er später in einem Interview, »Ich habe nie wirklich akzeptiert, erwachsen zu sein. Ich bin kein Krimineller. Ich bin nur ein Junge, der alles tut, wozu sein Verstand fähig ist, um Aufmerksamkeit und Liebe zu bekommen. Meine Arbeit ist es, Liebe zu bekommen. Das ist meine Arbeit. Ich nehme keine Drogen, ich töte keinen Menschen, ich missbrauche keine Kinder. Ich erzähle Geschichten, damit sich Menschen um mich kümmern. Das ist mein Beruf.«
93:13
Oh Mann, also mein Bild ändert sich schon richtig doll, weil ich habe mittlerweile auch das Gefühl, dass dieses Narrativ, das ich am Anfang so rührend fand, dass er eigentlich nur Liebe haben will und er ist dieser einsame Junge.
93:29
Das ist auch ein Narrativ, das er selber sehr gerne erzählt. Also das ist ja auch eine Geschichte, wie er schon sagt, die er aufgebaut hat, um gemocht zu werden und auch irgendwie ein Held zu sein.
93:43
Ich glaube, er checkt einfach gar nicht, was er damit anrichtet.
93:46
Oder er will es auch einfach nicht checken.
93:49
Und Lynn, zum Ende dieser Folge gibt es nochmal eine Wendung, die Frédéric Baudin sich eigentlich immer gewünscht hat. Denn mittlerweile, nach vielen, vielen Jahren, muss man sagen, lebt Frédéric in einer Familie. Und zwar in einer siebenköpfigen Familie. Etwas, was er immer wollte, denn tatsächlich ist es so, dass er, er hatte ja schon öfter mal Glück im Leben, wo irgendwas funktioniert hat und das passiert jetzt nochmal. Eine Französin sieht die Nachrichtenbeiträge und Dokumentationen über ihn und sie verliebt sich Hals über Kopf in Frederic.
94:25
Ihr Name ist Isabella, sie ist Jurastudentin und sie macht Frederik jetzt ausfindig und schreibt ihm Briefe. Die beiden treffen sich dann mehrmals, werden dann ein Paar und am 8. August 2007 haben sie geheiratet. Frederik hat damals seine Mutter eingeladen und seinen Großvater, die beiden haben aber abgelehnt, weil sie glaubten, das sei eine weitere Lügengeschichte und die Hochzeit wäre erfunden.
94:48
Genau.
94:49
Aber tatsächlich stimmt es und Frederik und Isabella haben mittlerweile fünf Kinder, führen ein ganz normales, also weiß ich jetzt nicht ganz genau, ich bin nicht dabei, aber nach außen hin ganz normales Familienleben, leben in einer kleinen Stadt in Frankreich, wo kaum jemand Frederiks Geschichte kennt. Und das Chameleon von Nantes macht jetzt tatsächlich Tanzvideos auf TikTok und auf YouTube. Nein! Und auch die kann ich dir nochmal verlinken, beziehungsweise euch in der Folgenbeschreibung oder auf Instagram und so weiter.
95:21
Aber ey, ganz im Ernst, wenn er auf TikTok tanzt statt... anderen Menschen vorzugaukeln, dass er ihr Sohn ist, bin ich damit voll fein. Also man könnte natürlich sagen, es ist immer noch ein Schrei nach Liebe und Aufmerksamkeit, aber lieber so.
95:36
Das ist übrigens auch der Grund, warum ich am Anfang erzählt habe, warum ich damals bei der SZ da am Mittagstisch mit Till drüber geredet habe, weil er hat ein Interview quasi mit dem Familienvater Frederik geführt und hat ihn zu seinem jetzigen Zustand interviewt, also ob er jetzt seine Familie gefunden hat. Das war quasi die Ausgangslage für alles, für diese ganze crazy Geschichte. Was hat er gesagt? Ja, hat er. Also Frederik selbst sagt, dass er das jetzt endlich gefunden hat. Er wollte immer eine Familie und er hat jetzt eine.
96:07
Und in dem, das verlinke ich euch auch, in dem Interview mit Till sagt er schon so, dass er sich krass geändert hat und halt jetzt einfach wirklich ein normales Leben führt.
96:17
Boah, so krass. Also ich wünsche es ihm wirklich, dass er jetzt glücklich ist. Ich würde mich genauso natürlich drüber freuen, wenn das Verbrechen, das an Nicholas passiert ist oder ob es überhaupt ein Verbrechen war, dass das irgendwann aufgeklärt wird. Das ist, glaube ich, schon was, was ich schon noch... Also was ich schon krass finde, ob das jetzt die Familie war oder wer dahinter steckte, dass dieser Junge verschwunden ist, weil ich finde, das ist eigentlich auch das Schlimme daran, dass er sich das alles ausgedacht hat, das gerät so in den Hintergrund.
96:51
Ja.
96:52
Aber ich bin auch immer wieder fasziniert, wie Hochstapler es schaffen, Menschen so lange hinters Licht zu führen.
97:01
Und jetzt, wo du schon über Hochstapler sprichst, haben wir an dieser Stelle noch einen sehr besonderen Leotyp. Heute haben wir eine Person bei uns, die das mir abnimmt und selber etwas vorstellt, was ich wahrscheinlich sehr cool finden werde. Hallo Caro!
97:17
Hi, ich freue mich, vorher hier zu sein.
97:19
Ja, wir freuen uns auch riesig. Also das ist, glaube ich, was ganz Besonderes bei Mord of X, dass der Leos Tipp jetzt einfach mal übernommen wird von der Person, die unser Tipp ist. Und ich glaube, man kann ja sagen, du bist eine der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen.
97:35
Ihr habt wahrscheinlich alle die Bücher gelesen von Carowall.
97:39
Wenn nicht, große Empfehlung, das zu tun. Und jetzt kommt ein Buch raus und da dachte ich, das passt ja perfekt zu dieser Folge. Denn das Einzige, was ich darüber weiß, ist, dass du über Hochstapler geschrieben hast, oder?
97:52
Ja, also mein neuer Roman 1999 Meter über dem Meer, der dreht sich um Samara und die wird quasi zur Hochstaplerin während der Handlung. Die fängt irgendwann an zu lügen.
98:03
Wir haben in dieser Folge ganz viel über die Motive gesprochen von jemandem, der zum Hochstapler wird. Und du gehst natürlich als Autorin dann auch so in den Kopf von so jemandem rein. Was war denn bei dir der Grund, warum deine Protagonistin zur Hochstaplerin geworden ist?
98:22
Ich glaube, bei Hochstapler-Roman ist es ja oft so, dass es diesen einen Moment gibt, wo sie entscheiden, jetzt reicht es, jetzt führe ich alle an der Nase herum. Und bei Samara war das so ein Moment, sie hat in so einer sehr oberflächlichen PR-Agentur gearbeitet. Und dann gab es so einen Moment, wo die Chefin sowas gesagt hat, was überhaupt nicht ging. Samara hat einen Migrationshintergrund und die Chefin meinte, sie soll doch ein paar Influencerinnen mit Migrationshintergrund raussuchen. Und da dachte sie, boah, jetzt reicht's mir. Das ist mir jetzt genug. Ich pfeite mein Cabrio und schaue mir die Berge an, weil sie hat noch nie die Berge gesehen.
98:55
Und dann rutscht sie da irgendwie rein. Ich glaube, sie verrennt sich und Der Grund, dass sie sowas macht, ist wahrscheinlich so diese maximale Einsamkeit, oder? Hochstapler sind ja einerseits total freie Figuren. Also die können machen, was sie wollen. Sie sneaken sich überall rein. Sie haben wenig Gepäck. Und andererseits haben die ja nichts. Die haben dann immer eine eigene Geschichte, keine Familie. Das Gegenüber weiß nie genau wirklich, wer da ist. Und deswegen sind das sehr tragische Figuren. Ich glaube, es ist schon so auch die Suche nach einer Zugehörigkeit.
99:27
Das ist super interessant, weil das ist eigentlich auch ziemlich genau die Geschichte, die wir heute in der Folge erzählt haben.
99:32
Gab es aber einen True Crime Fall, der dich vielleicht ein bisschen inspiriert hat? Also das mit Anna Sorokin und so fand ich schon krass. Also ich bin ja schon so eine Literaturmaus und mir fallen sofort Romane ein wie Felix Kroll und Blechtrommeln und so. Aber ich finde, wenn sowas wirklich passiert, ist es immer noch krasser, wenn da so eine junge Frau ist. Die einfach sich da in die New Yorker High Society rein sneakt und das klappt alles. Und am Ende ist sie vor Gericht und verkauft dann noch die Rechte für Millionen an Netflix.
100:02
Einfach so...
100:03
Das ist der perfekte Teaser, weil die Folge kommt auch bald irgendwann bei uns. Sie ist noch in der Produktion. Also jetzt erst Caros Buch lesen und dann die Folge bei uns hören, die die Inspiration war. Vielen, vielen Dank Caro. Das war ganz toll, den Leo-Tipp einmal abzugeben an die Person selbst. Und wir freuen uns alle ganz doll auf das neue Buch.
100:23
Magst du ganz kurz noch verraten, wann kommt es raus? Kann man es schon vorbestellen?
100:27
Am 28. August kommt es raus. Man kann es jetzt auch schon vorbestellen und ich freue mich.
100:33
Und damit würde ich sagen, danke, dass ihr alle zugehört habt. Und Caro, dir gebührt das letzte Wort dieser Folge.
100:40
Seid mutig und nehmt euch alles, was euch zusteht. Schön, dass ihr dabei wart und bis zum nächsten Mal.
101:01
Mord of X ist eine Produktion von Of X Productions.
101:05
Das sind Lindschütze, Leonie Bartsch, Antonia Fischer, Lorenz Schütze, Alexander Rosanas, Greta Kastner, Stefan Weikert, Maike Frier, Antonia Faltermeier, Marvin Kuh, Anna Busse und Lara Wrede. Redaktionelle und produktionelle Mitarbeit dieser Folge auch von Antonia Boll.
101:25
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